[Rezension] Jeffrey Archer- Triumph und Fall

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Heyne Verlag
891 Seiten
ISBN- 978-3453471511




Klappentext


Im Londoner East End verkauft der junge Charlie Trumper Obst und Gemüse auf der Straße. In sehr ärmlichen Verhältnissen lebend, träumt er davon, einmal das größte Kaufhaus der Welt zu besitzen. Aber die Zeiten sind hart, und der Erste Weltkrieg reißt Charlie zunächst aus seinen Träumen. Doch auch die schlimmsten Feinde und Widerstände, selbst eine große tragische Liebe können ihn nicht aufhalten ... In seinem großen Epos schildert Jeffrey Archer den Weg seines Helden über mehrere Jahrzehnte, aus den finsteren Gassen Whitechapels in die Welt der Reichen und Mächtigen - und seinen Kampf, sich hier zu behaupten und gleichzeitig aufrecht zu bleiben.

Das Buch erschien in Deutschland bereits unter dem Titel »Der Aufstieg«.

Autoreninformationen


Jeffrey Archer, geboren 1940 in London, verbrachte seine Kindheit in Weston-super-Mare und studierte in Oxford. Archer schlug zunächst eine bewegte Politiker-Karriere ein. Weltberühmt wurde er als Schriftsteller, »Kain und Abel« war sein Durchbruch. In Deutschland erscheinen seine großen Werke im Heyne Verlag. Mittlerweile zählt Jeffrey Archer zu den erfolgreichsten Autoren Englands, sein historisches Familienepos »Die Clifton-Saga« begeistert eine stetig wachsende Leserschar. Archer ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in London, Cambridge und auf Mallorca.

Meine Meinung

Vorneweg- dies war mein erster Archer, ich hatte die bekannte Clifton Saga vorher also nicht gelesen und der Autor war gänzlich neu für mich, sodass ich keine Vergleichsmöglichkeiten mit früheren Werken hatte.
Die Story des Romans ist schnell erzählt und der Klappentext leistet da schon gute Dienste: Armer Junge aus entsprechender Wohngegend hat große Pläne und will sich hocharbeiten- sozusagen vom Tellerwäscher zum Millionär, eine klassische Geschichte also. Gewürzt sein sollte das ganze dann noch mit Liebe und Drama- soweit so gut. Ich erwartete also (auch aufgrund des Hypes um den Autor) einen netten Schmöker mit historischem Hintergrund. An sich eine angenehme Kombination, die man so ja auch schon kennt.
Und eben das ist es auch- man kennt es bereits. Zu keinem Zeitpunkt konnte mich der Roman in irgendeiner Weise überraschen. Der Sprach- und Erzählstil bleibt absolut einfach, ohne Raffinesse oder gar Bilder im Kopf, die Sätze sind kurz und schmucklos. Nun gut, das kann man soweit ja alles tolerieren- ein Schmöker für den Liegestuhl muss keinen literarischen Anspruch haben. Aber das Buch hatte aus meiner Sicht einige eklatante Schwächen- zum Einen bleiben die Charaktere totenblass und archetypisch. Zu keiner Zeit fiebert man mit, das Schicksal der Figuren interessiert einen kaum. Doch zum Glück geht es den Figuren selbst ebenso- verlieren sie beispielsweise ein Kind, ist das Ganze nach zwei Seiten wieder vergessen und wird nie wieder erwähnt. Null Tiefe, null Emotion. Das Ganze las sich wie eine wissenschaftliche Abhandlung, und wenn Emotionen, dann waren sie nicht glaubhaft und kamen aus heiterem Himmel, ohne dass der Leser sich darauf einen Reim hätte machen können (so die typische unsterbliche Liebe auf den ersten Blick). Es gab noch diverse Beispiele dafür, da müsste ich aber zu sehr auf den Inhalt eingehen. 
Zudem baut sich einfach überhaupt keine Spannung auf, weil den Figuren alles in den Schoß fällt- ein armer Schlucker will einen ganzen Häuserblock kaufen- kein Thema, es finden sich immer nette Menschen die ein gutes Wort einlegen oder Geld beschaffen können. Niemals hört er, dass er mal etwas vernünftig sein sollte, im Gegenteil- für ihn wächst das Geld auf Bäumen. Zuviel Deus ex Machina für mich.
Alles also leider sehr unglaubwürdig. Schicksalsschläge nehmen die Figuren einfach so hin- spätestens im nächsten Kapitel spielen sie keine Rolle mehr. Wie ich nach dem Lesen erfuhr, hat die Handlung auch sehr viele Parallelen zur Clifton Saga, selbst 'überraschende Wendungen' sind dieselben. Ich muss also leider sagen, mein Geschmack war es gar nicht, dieses Buch. Für mich hatte es den Charme eines Groschenromans- oder eines zweimal aufgewärmten Mikrowellengerichts. Diesmal also leider keine Empfehlung. 


[Rezension] Mary Linn Bracht- Und über mir das Meer

Limes Verlag
384 Seiten
ISBN- 978-3809026815





Klappentext


»Ein tief berührender Stoff über die Grausamkeit des Krieges und die Beharrlichkeit der Liebe.« The Bookseller

Korea, 1943. Hanas Mutter hat sie immer gewarnt: Pass auf deine Schwester auf, und komm den japanischen Soldaten nicht zu nahe. Wie ihre Mutter ist Hana eine Haenyeo, eine der Taucherinnen, die in den Tiefen der See nach den Schätzen des Meeres sucht. Doch dann passiert es doch, während Hana im Wasser ist. Ihre Schwester Emi ist in Gefahr entdeckt zu werden, und Hana kann sie nur retten, indem sie sich selbst opfert. Sie wird von japanischen Soldaten entführt und in ein Bordell des Militärs gebracht. Aber sie wäre nicht eine Haenyeo, wenn sie sich ihrem Schicksal fügen würde.
Südkorea, 2011. Emi hat die letzten sechzig Jahre versucht zu vergessen, welch großes Opfer ihre Schwester für sie gebracht hat. Doch erst als sie sich ihrer Vergangenheit stellt, kann sie beginnen, ihren Frieden zu finden und vielleicht auch zu verzeihen ...

Autoreninformationen


Mary Lynn Bracht studierte Creative Writing an der Universität von London. Als amerikanische Autorin mit koreanischen Wurzeln lebt sie in London. Sie wuchs in einer großen Gemeinde voller Frauen auf, die während der Nachkriegszeit in Südkorea großgeworden waren. 2002 besuchte Mary Lynn Bracht das Dorf, in dem ihre Mutter ihre Kindheit verbrachte.Während dieser Reise erfuhr sie unglaubliche Geschichten und hörte zum ersten Mal von den »Trostfrauen«. »Und über mir das Meer« ist ihr erster Roman.
Meine Meinung
Für dieses Buch begab ich mich in einen für mich eher fremden Kulturkreis- Korea, zur Zeit der japanischen Besatzungsmacht. Zunächst lernte ich etwas über die Haenyeo, eine traditionelle Gruppe von Frauen, die stets durch die Geschichte hinweg selbstständig und unabhängig für ihren Lebensunterhalt gesorgt hat. Wikipedia gab mir eine Zusammenfassung:

https://de.wikipedia.org/wiki/Haenyo

Diese Kultur existiert noch heute, ist aber vom Aussterben bedroht. Die Idee, etwas in dieser Nische anzusiedeln fand ich schon einmal sehr gut. Nun, die Haenyo spielen eine große Rolle in diesem Roman. Jedoch ist das Hauptthema natürlich das der sogenannten 'Trostfrauen', der Zwangsprositutierten im Krieg, die von Soldaten aus ihren Familien gestohlen und verschleppt wurden.
Dementsprechend ist dieses Buch keine leichte Lektüre. Mehrmals musste ich nach Luft schnappen, denn die geschilderten Szenen und Hanas Schicksal sind ungeheuerlich. Glasklar und scharf wie ein Messer ist auch die verwendete Sprache und der Erzählstil- die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund und verzichtet gänzlich auf blumige Umschreibungen, die man sonst von asiatischer Literatur kennt. Die ersten paar Seiten fand ich die Erzählweise etwas emotionslos, aber später wurde mir klar dass das die einzige Möglichkeit ist, das Buch überhaupt zu ertragen. Der nüchterne Erzählstil trifft einen sogar noch extra in den Magen.
Es ist immer schwierig so ein Buch 'gut' zu nennen oder zu sagen, dass es einem gefallen hat. Den Trostfrauen wird hier eine Stimme gegeben, und das ist ungemein wichtig. Zuwenig Anteilnahme und Wiedergutmachung haben sie erfahren, mehr noch, die jeweiligen Regierungen haben sich sogar des lieben Friedens Willen geeinigt, nie wieder offiziell über diese Frauen zu sprechen. Dieser Gedanke ist sehr schmerzhaft für mich und sicher auch für jede andere Frau, die dieses Buch liest.

'Und über mir das Meer' ist ein ziemlich mutiges Debüt. Aber ich finde es gut, dass Autorin und Verlag diesen Mut gehabt haben, denn das Thema ist wichtig. Ich werde die Autorin definitiv im Auge behalten und empfehle dieses Stück wichtige Zeitgeschichte auf jeden Fall weiter. Nur nicht vergessen, auch das Nachwort der Autorin zu lesen!

[Rezension] Chloe Benjamin- Die Unsterblichen

btb Verlag
476 Seiten
ISBN- 978-3442758197




Klappentext

Wie würdest du leben, wenn du wüsstest, an welchem Tag du stirbst? Sommer 1969: Wie ein Lauffeuer spricht sich in der New Yorker Lower East Side herum, dass eine Wahrsagerin im Viertel eingetroffen ist, die jedem Menschen den Tag seines Todes vorhersagen kann. Neugierig machen sich die vier Geschwister Gold auf den Weg. Nichtsahnend, dass dieses Wissen für jeden von ihnen auf unterschiedliche Weise zum Verhängnis wird. Simon, den Jüngsten, zieht es Anfang der 1980-er Jahre nach San Francisco, wo er nach Liebe sucht und alle Vorsicht über Bord wirft. Klara, verwundbar und träumerisch, wird als Zauberkünstlerin zur Grenzgängerin zwischen Realität und Illusion. Daniel findet nach 9/11 Sicherheit als Arzt bei der Army. Varya wiederum widmet sich der Altersforschung und lotet die Grenzen des Lebens aus. Doch um welchen Preis?

Autoreninformation

Chloe Benjamin, 28, lebt mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Nathan Hill, in Madison, Wisconsin. Sie studierte literarisches Schreiben an der University of Wisconsin. Ihr Debüt "The Anatomy of Dreams" wurde mit dem Edna Ferber Fiction Book Award ausgezeichnet und stand auf der Longlist des Fiction First Novel Prize.

Meine Meinung 

Das Grundthema dieses Romans hat mich gleich ziemlich begeistert, noch bevor ich auch nur eine einzige Zeile gelesen hatte. Eine wahnsinnig interessante Frage: Wie würde ich leben, wenn ich mein eigenes Todesdatum wüsste? 
Dieser Frage widmet sich dieser aussergewöhnliche Roman. Vier Geschwister, die unterschiedlicher nicht sein könnten, erfahren ihr Todesdatum von einer Wahrsagerin. Das Buch ist nun gegliedert in vier Abschnitte, jeder aus der Sicht eines der Geschwister geschrieben. Jedes von ihnen geht unterschiedlich mit der Prophezeiung um- während die beiden jüngeren Geschwister Simon und Klara von Anfang an daran glauben dass es ein vorbestimmtes Schicksal gibt, weisen die beiden älteren Daniel und Varya von Anfang an jede Möglichkeit von sich, dass etwas an der Aussage der Wahrsagerin dran sein könnte. Und so lebt nun jeder von ihnen sein Leben- auf die ein oder andere Art. Und nach und nach zeigt sich, dass vielleicht doch nicht alles erfunden sein könnte... 
die zentrale Frage in diesem Roman ist, ob es ein vorbestimmtes Schicksal gibt oder nicht, und wie man mit dem Wissen darum umgehen kann. Und natürlich, ob man unbewusst in eine Richtung arbeitet wenn man glaubt, dies sei der Weg, der einem vorherbestimmt ist; Stichwort selbsterfüllende Prophezeiung. 
Mich hat dieser Roman einfach restlos begeistert- es stimmte für mich einfach alles angefangen beim bildhaften, geschliffenen Schreibstil mit wundervollen Bildern, über die alle auf ihre Art interessanten und sehr gut ausgestalteten Charaktere die man sogleich ins Herz schließt bis hin zu der Grundidee selbst, die die Autorin konsequent bis zum Ende fortführt. Stellenweise wird es sogar ein wenig philosophisch mit überaus lebensweisen Anklängen. 
Dieses Buch macht Spaß. Es ist stellenweise schmerzvoll, aufrüttelnd, nachdenklich machend- aber es macht wirklich Spaß. Ein wundervolles kleines Stück Literatur, das ich wirklich wärmstens weiterempfehle. Fünf von Fünf Sternen. 

[Rezension] Beate Teresa Hanika- Vom Ende eines langen Sommers

btb Verlag
320 Seiten
ISBN- 978-3442757077





Klappentext

Marielle lebt als Bildhauerin in Amsterdam. An einem der ersten warmen Frühlingstage kehrt die Vierzigjährige mit einem riesigen Strauß roter und blassrosa Tulpen vom Bloemenmarkt zurück und findet vor ihrer Wohnungstür ein Paket. Altmodisch verschnürt und geheimnisvoll. Der Inhalt: Tagebücher ihrer vor kurzem verstorbenen Mutter Franka. Ein Leben lang fühlte Marielle sich von ihr unverstanden. Immer war ihr diese stolze, kühle Frau fremd geblieben. Nun beginnt sie zu lesen. Von jenem langen Sommer 1944, den Franka auf einem Gut in der Toskana verbracht hatte. Von einer Begegnung, die das Leben der jungen Frau für immer veränderte. Und von einem Verhängnis, das über die Generationen hinweg zu wirken scheint.

Autoreninformation

Beate Teresa Hanika, geboren 1976, lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Regensburg. Für ihre Jugendbücher wurde sie u.a. mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Der Roman "Das Marillenmädchen", 2016 bei btb erschienen, wird in sechs Sprachen übersetzt.

Meine Meinung

Ich muss ja sagen, ich liebe solche Geschichten. Düstere Familiengeschichten, tiefsinnige Ideen und vor allem interessante Frauenfiguren. 
Wer ebenfalls auf diese Dinge steht, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten. Allerdings empfand ich manches hier als eher schwach umgesetzt- die Hauptperson, Marielle, bleibt für mich über große Strecken hinweg eher blass und austauschbar, ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, die hier tatsächlich sehr treffend und geschliffen portraitiert wird. Marielle hingegen wird fast ausschließlich über die Beziehung zu ihrer Mutter definiert und bringt wenig eigene Persönlichkeit mit. Demzufolge ist da auch nicht viel, das einem als Leser diese Figur sympathisch machen könnte. Zudem hat mich auch der Schreibstil nicht gerade vom Hocker gehauen- die Dialoge sind und bleiben flach, die Sätze kurz und knapp und das ganze wirkt etwas mühsam in die Länge bzw. auf Buchlänge aufgeblasen. 
Generell fehlte mir da leider die Tiefe im Hinblick auf das ernste, wirklich sehr spannende Thema. 
Was hingegen sehr gut funktioniert hat ist die Darstellung der Autorin der Atmosphäre. Ein Landgut in der Toscana spielt eine wichtige Rolle, und das Flair eines italienischen Sommers fängt diese Geschichte wirklich hervorragend ein. Man hört förmlich die Olivenbäume knarzen und die Ziegen meckern. 
Unterm Strich würde ich sagen, siedelt sich dieser Roman in den Reihen der typischen Frauen- Sommerliteratur an. Anspruchsvolle Literatur ist es nicht- aber der Roman eignet sich auf jeden Fall für einen Nachmittag im Liegestuhl und zum Hinwegträumen an einem lauen Sommertag. 

[Rezension] Christine Mangan- Nacht über Tanger

Blessing Karl Verlag
368 Seiten 
ISBN- 978-3896676030





Klappentext

Tanger 1956: Alice Shipley ist ihrem Mann John von England in das von politischen Unruhen aufgeheizte Marokko gefolgt. Doch die Hitze und die fremde Kultur machen es Alice schwer; während John sich immer mehr ins Nachtleben der pulsierenden Stadt stürzt und kaum mehr zu Hause ist, verkriecht sich Alice in der gemeinsamen Wohnung, gleitet in eine Depression. Da steht eines Tages Lucy Mason vor ihrer Tür, Alice' Zimmergenossin und Freundin aus Collegezeiten in Vermont, die sie seit einem mysteriösen Unfall ein Jahr zuvor nicht mehr gesehen hat.

Die unabhängige und furchtlose Lucy entdeckt Tanger schnell für sich und versucht Alice aus ihrer Isolation zu befreien. Doch Alice beschleicht bald das ihr nur allzu vertraute Gefühl, von Lucys Fürsorge kontrolliert und erstickt zu werden. Als John plötzlich verschwindet, wird Alice von dem Unfall in Vermont eingeholt und sie fängt an, an Lucys Vertrauenswürdigkeit und ihrem eigenen Verstand zu zweifeln ...

Ein vielschichtiger, spannender, psychologisch tiefgründiger Roman, erzählt aus zwei Ich-Perspektiven, die den Leser bestricken und verstricken in eine komplexe Freundschaft, in der die Grenzen zwischen Gut und Böse, Normalität und Wahnsinn fließend sind.

Autoreninformationen


Christine Mangan, geboren 1982, hat Creative Writing studiert und am University College Dublin zur Gothic Literature promoviert. Nacht über Tanger ist ihr erster Roman, der sich in 20 Länder verkauft hat. Die Filmrechte gingen an die Produktionsfirma von George Clooney. Christine Mangan lebt in Brooklyn, New York, und schreibt an ihrem zweiten Roman.

Meine Meinung:

Es gibt Bücher, die zuerst recht unscheinbar wirken, und auch die Geschichte wirkt auf den ersten Blick wie schon einmal gelesen, wenn man die Inhaltsangabe überfliegt. Hat man das Buch dann gelesen, bestätigt sich dieser Eindruck oft. Ein Eindruck der Mittelmäßigkeit, ein Gefühl des Déja Vues. 
Ich dachte, ich lasse es mal auf mich zukommen. 
Was ich bekam war ein schillerndes Porträt der 50er Jahre mit enorm komplexen Persönlichkeiten und einer wirklich interessanten Geschichte, die ganz anders ausgeht als zunächst vermutet. Dieses Buch schafft es tatsächlich, eine authentische Atmosphäre zu erzeugen, eine Atmosphäre des Tangers im Jahre 1956. Dies ist schon einmal ein sehr interessanter Rahmen und würde sicherlich auch für sich genommen schon reichen, um einen Leser in seinen Bann zu ziehen. Damit gibt sich die Autorin jedoch nicht zufrieden- hier bildet diese interessante Stadt, die wirklich äußerst plastisch beschrieben wird, bloß den Rahmen für eine zweite Ebene- die zunächst scheinbar wundervolle, ungetrübte Freundschaft zweier faszinierender Frauen. Doch schon bald verzieht sich er Sonnenschein und es offenbart sich eine zweite Ebene im Buch, eine tiefere Geschichte voller Missverständnisse, Schmerz und Zerwürfnisse- und zum Schluss hin mündet das Ganze in einer Katastrophe, die ich absolut nicht erwartet hatte. Wie in der namensgebenden Stadt Tanger ist zunächst nichts so, wie es scheint. Die Charaktere präsentieren sich oberflächlich anders als sie es wirklich sind, egal ob Alice, Lucy oder auch John. 
Für mich war dieses Buch ein sehr rundes Erlebnis mit interessanten Perspektiven und geschliffener Sprache und Stil, das mich zum Ende hin ordentlich nach Luft schnappen ließ. Ich finde es empfehlenswert für jemanden, der gerne unter die Oberfläche blickt. Wer findet, dass es immer ein Happy End geben muss, ist hingegen schlecht bedient. Denn in diesem Roman zeigt sich: Am Ende siegt nicht immer das Gute. Wer dies akzeptieren kann, sollte dem Buch eine Chance geben. 

[Rezension] Vera Buck- Das Buch der vergessenen Artisten

Limes Verlag
752 Seiten
ISBN- 978-3809026792





Klappentext


Die größten Geschichten beginnen an den ungewöhnlichsten Orten ...

Deutschland, 1902. Mathis, der dreizehnte Sohn eines Bohnenbauern, hat im Leben nicht viel zu lachen. Nur wenn der Jahrmarkt ins Dorf kommt, erhält er inmitten der bunten Buden, exotischen Menschen und technischen Neuheiten einen Einblick in die große, weite Welt jenseits der Hügel, die den Ort umgeben. Bis er mit fünfzehn beschließt, mit den Schaustellern davonzulaufen.

Nach über dreißig Jahren als Röntgenkünstler lebt Mathis mit seiner Partnerin, der Kraftfrau Meta, in einer Wohnwagensiedlung am Rande Berlins. Es sind düstere Zeiten für die Artisten: Auftrittsverbote werden verhängt, Bühnen dichtgemacht. Doch in geheimen Clubs und Künstlertreffs lebt die Vergangenheit weiter. Genau wie in dem Buch, an dem Mathis schreibt - einem Buch, das Geheimnisse birgt und unter keinen Umständen in die falschen Hände geraten darf.

Autoreninformationen


Vera Buck, geboren 1986, studierte Journalistik in Hannover und Scriptwriting auf Hawaii. Während des Studiums schrieb sie Texte für Radio, Fernsehen und Zeitschriften, später Kurzgeschichten für Anthologien und Literaturzeitschriften. Nach Stationen an Universitäten in Frankreich, Spanien und Italien lebt und arbeitet Vera Buck heute in Zürich. Ihr Debütroman »Runa« wurde von der Presse hochgelobt und für den renommierten Glauser-Preis nominiert.

Meine Meinung

Von Vera Bucks Erstling 'Runa' war ich seinerzeit absolut begeistert- ein derart fesselndes, niveauvolles und gut recherchiertes Werk hatte ich davor schon lange nicht mehr gelesen. Die Messlatte für ihr zweites Buch lag dementsprechend hoch.
Allerdings muss ich gestehen, dass das Zirkusleben nicht zu den Themenkomplexen zählt, die mich besonders interessieren. Ohne 'Runa' gelesen zu haben hätte ich deshalb wohl eher nicht zu diesem Buch der Autorin gegriffen- so jedoch musste ich natürlich wissen, welche Rolle dieser Rahmen hier spielt. Dieser Roman ist selbst das titelgebende Buch der vergessenen Artisten- eine Sammlung von Lebensgeschichten verschiedener Künstler in den Zeiten der Nazis. Und Hauptprotagonisten, um die sich die gesamte Handlung dreht, sind Mathis Bohnsack, ein Bohnenbauerssohn mit (leider) Bohnenallergie und Meta, seine Freundin, die als Kraftfrau arbeitet und für die Rechte der Frau eintritt. Diese beiden versuchen nun ihr Leben als Artisten in einer Welt und zu einer Zeit zu meistern, in dem Menschen, die von der propagierten Norm abwichen, nicht erwünscht waren. Alle Charaktere sind wirklich wahnsinnig liebenswert und detailverliebt ausgearbeitet- so sehr, dass man sie wirklich plastisch vor Augen hat. Es mangelt (auch aufgrund des Umfangs) also wirklich nicht an Details. Wie auch schon bei Runa hat die Autorin ein sehr langsames Erzähltempo gewählt und hetzt nicht durch die Geschichte. Allerdings gerät die Geschichte ob der grenzenlosen Detailverliebtheit auch manchmal ein wenig ins Hintertreffen. Ich fand, dass der rote Faden manchmal nicht so recht zu finden war und das ganze durchaus eine Kürzung an manchen Stellen vertragen hätte. Andererseits scheint das der Stil der Autorin zu sein- es ist kein Buch das man mal eben so wegliest- aber dafür hat es einiges zu bieten für diejenigen, die auf Charakterentwicklung und -ausgestaltung enormen Wert legen. Dieser Roman bietet die Möglichkeit, liebgewonnene Charaktere eine ganze Weile zu begleiten, mit ihnen Höhen und Tiefen zu erleben und sich in der Herzenswärme und Zuneigung zu ergehen, die die Autorin ihren Figuren entgegen bringt. Dennoch hätte ich den Inhalt an manchen Stellen etwas gerafft. Was ich sehr mochte war der stellenweise durchschimmernde ironische Unterton der Beschreibungen, Situationskomik und die Fähigkeit der Autorin, mit dem Leser und dessen Wissen, das sich von dem unterscheidet was die Charaktere inne haben, zu spielen. Beispielsweise parodiert sie Hitler sehr gekonnt oder portraitiert auf ironische Art und Weise einen Erfinder, den in den vierziger Jahren niemand ernst nahm weil er behauptet, eines Tages sei Videotelefonie möglich. Solche Seitenbemerkungen finden sich zuhauf in dem Buch- wenn der Leser aus heutiger Sicht diese Situation betrachtet, muss er einfach schmunzeln.
Ich kann nur sagen: (Wieder) ein sensibles Thema (die von den Nazis weggeschafften Artisten) gekonnt behandelt und mit dem entsprechenden Fingerspitzengefühl bedacht. Sehr empfehlenswert, wenn man bereit ist einem dickeren, detailreichen Buch eine Chance zu geben. Ich werde es bei der Autorin jedenfalls immer wieder machen. 

[Rezension] Angelika Waldis- Ich komme mit

Wunderraum Verlag
222 Seiten
ISBN- 978-3336547975




Klappentext


»Das Leben ist ein Geschenk. Man kann's nur einmal auspacken.«

Wie die alte Vita und der kranke Lazy über das Leben philosophieren und dabei zu Freunden werden.

Seit 42 Jahren wohnt Vita Maier in dem Haus in der Torstraße 6. Als junge Mutter ist sie hier eingezogen. Doch längst ist der Sohn aus dem Haus, der Mann unter der Erde. Für ihren Nachbarn, den Studenten Lazy, ist Vita die Alte von oben, denn für Lazy gibt es nur seine Freundin Elsie. Doch so plötzlich, wie die Liebe kam, und ebenso heftig, kommt die Krankheit. Sie verscheucht Elsie und die Zukunft. Im Treppenhaus liest Vita einen mageren, erschöpften Lazy auf und nimmt ihn zu sich, um ihn mit Wurstbroten aufzupäppeln. Eine ungewöhnliche, lustige und seltsam innige Freundschaft entsteht. Dann kommt der Tag, an dem ein neues Blutbild die Zuversicht kaputt macht. »Ich steige aus«, sagt Lazy. »Ich komme mit«, sagt Vita. Und so begeben sich zwei Lebensmüde auf eine verrückte letzte Reise.

Liebevoll ausgestattete Ausgabe mit Leinenrücken und Lesebändchen. (Gilt nur für die gebundene Ausgabe.)
Weitere berührende Wunderraum-Geschichten finden Sie in unserem kostenlosen aktuellen Leseproben-E-Book "Angekommen im Wunderraum" sowie unter www.wunderraum-verlag.de.

Autoreninformationen


Angelika Waldis, 1940 geboren, denkt immer noch, sie sei nicht alt. Kindheit in Luzern, Studium in Zürich, Journalismus, Heirat mit dem Gestalter Otmar Bucher. Hat mit ihm einen Sohn, eine Tochter und eine Jugendzeitschrift gemacht. Heute hat sie drei Enkel sowie Freuden und Ängste beim Bücherschreiben.

Meine Meinung

Uff. So dünne dieses Buch ist (auf dem Ebook Reader sogar nur rund 150 Seiten) so eindrücklich und direkt ist es auch. Der Schreibstil ist sehr speziell, absolut auf den Punkt, es wird genauso geschrieben wie man auch denken oder sprechen würde. Das macht das ganze sehr eindringlich, sehr ehrlich und ich finde auch, absolut passend zur Thematik, die in diesem Buch vorkommt. Ich brauchte durchaus ein paar Seiten bis ich in diesem Erzählstil drin war- so schonungslos und pointiert, wie er ist. 
In diesem Fall aber durchaus sehr positiv. 
Um ehrlich zu sein, die beiden Hauptfiguren des Romans, Vita und Lazy, fand ich zunächst beide nicht besonders sympathisch. Im Laufe der Zeit jedoch gewann ich sie lieb. Beide sind gebeutelt vom Schicksal, beide haben ihr Päckchen zu tragen. Und dennoch finden sie einer skurrilen Freundschaft zueinander, die sich ohne diese Päckchen wohl niemals entwickelt hätte. Und beide beschließen, alles hinter sich zu lassen und einem irrwitzigen Plan zu folgen. Ich liebe solche Bücher- sie zeigen, dass es nie zu spät für Abenteuer oder das Erfüllen von Träumen ist, und haben sowas leicht philosophisches, das sich aber still und leise im Hintergrund hält. Und ganz besonders gerne lese ich von mehr oder weniger unmöglichen Freundschaften.
Dieses Buch ist eine Perle- obwohl es ziemlich vorhersehbar ist gilt hier: Der Weg ist das Ziel. Man sollte den Weg zum Ende einfach genießen und sich hin und wieder zurücklehnen, um das Gelesene auf sich wirken zu lassen. Ganz sicher ist dieses Buch nicht für jeden was- ich würde sagen, definitiv eher für eine nachdenkliche, philosophisch angehauchte Zielgruppe. Dann aber wird man sicher seinen Spaß daran haben!