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[Rezension] Fernando Aramburu- Die Mauersegler


Rowohlt Verlag
832 Seiten
28€
ISBN: 978-3-498-00303-6
*Reziexemplar*

 Worum geht's? 

Der spanische Bestsellerautor Fernando Aramburu legt einen großen humanistischen Roman über einen Mann namens Toni vor. Toni ist ein Antiheld, der das Leben nicht liebt. Nur seinen Hund. Er fasst einen Entschluss: Er will allem ein Ende setzen. In genau 365 Tagen. Am 31. Juli beginnt das letzte Jahr, und dieser Roman hat 365 Kapitel, eins für jeden Tag. Die ersten Monate sind für Toni geprägt von Erinnerungen an seine Familie in der wechselhaften spanischen Geschichte, Beobachtungen seiner Landsleute und Erlebnissen, die ihn in seiner Weltsicht bestärken. Doch dann kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit einer Frau, deren Hund auch Toni heißt. Ein Zeichen! Und mit einem Mal gerät Tonis Plan ins Wanken.

Voller Herzenswärme, traurig, lustig, zutiefst berührend: ein meisterhaftes Werk. Die Chronik eines Countdowns, die auf fantastische Weise von der Hoffnung auf ein glückliches Leben erzählt. Für die spanische Kritik ist es schon jetzt ein Klassiker des 21. Jahrhunderts. (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Vorweg muss ich sagen: Ich habe den vorhergehenden Roman des Autors, 'Patria', gelesen. Ich kannte also schon den Schreibstil und Arumburus Art, an ein Thema heranzugehen. Wobei ich sagen muss, dass sich schon auf den ersten Blick der Schreibstil der Erzählung deutlich unterscheidet- ich möchte sagen, auf jeden Fall zum Positiven. Während ich in 'Patria' oft das Gefühl hatte den Faden zu verlieren und der Story nicht richtig folgen zu können war das bei den 'Mauerseglern' überhaupt kein Problem: Mehr noch, der doch ziemlich ausufernde Roman ist in griffige kurze Kapitel unterteilt, die vor dem Hintergrund der Geschichte auf jeden Fall Sinn machen und das Lesen und verfolgen extrem vereinfachen. Der Protagonist, Toni, erschien mir zu Anfang starkt betrübt, melancholisch und verbittert und auch ziemlich fatalistisch- bis auf seinen besten Freund und seine Hündin lässt er niemanden mehr in sein Herz, was mir zu Anfang natürlich etwas befremdlich vorkam (ich bin eher so der Typ Hippie- offen- für-alles), aber im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht so abwegig ist- so ist seine Exfrau Amalia in meinen Augen eine egoistische Medusa, die selbstsüchtige Ziele verfolgt und nicht einmal davor zurückschreckt, den Hund auszusetzen um ihn loszuwerden. 
Generell ist dem Autor hier ein eindrückliches Bild in Romanform gelungen das zeigt was passiert wenn Menschen schweigen und nicht offen miteinander kommunizieren, was passiert wenn sich Abneigung und letzten Endes Hass über Jahre aufbaut und sich schließlich Bahn bricht. 
Im Großen und Ganzen zuerst also ein recht deprimierendes Buch. Versteh mich nicht falsch, das kann ebenso interessant sein und mir kommt es ja bei Romanen am meisten auf die Charakterentwicklung an- und dafür ist der Roman perfekt. Anspruchsvoll und tiefgehend, manchmal derb und lebensnah. Doch, ich mochte es sehr und es hat mir Spaß beim Lesen gemacht, ganz besonders, als Toni wieder Hoffnung schöpfte. 
Mein größter Kritikpunkt ist tatsächlich ziemlich offenkundig, gleich zu Anfang: Die Länge. Ja, ich weiß, manchmal lässt sich die Aussage eines Romans nicht in die üblichen 350 Seiten quetschen. Voll okay. Aber müssen es wirklich immer solche Ziegelsteine sein, die auch taugen würden, einen Einbrecher zu erschlagen? Ich finde: Nein. Ganz selten braucht ein Roman wirklich die Länge von 800 Seiten. 500- 600 Seiten hätten für die 'Mauersegler' in jedem Fall ausgereicht und hätten verhindert, dass das Buch stellenweise aufgeblasen und in die Länge gezogen wird. Unterm Strich kostet das in meiner Bewertung aber nur ein Herzchen, da der Rest einfach sehr überzeugend war. 

Meine Bewertung:  💙💙💙💙🤍


[Rezension] Sue Monk Kidd- Das Buch Ana


btb Verlag
576 Seiten
12€
978-3-442-77144-8

Worum geht's?

Im Jahr 16 nach Christus, im von den Römern besetzten Galiläa: Ana wächst in einer wohlhabenden jüdischen Familie auf. Sie ist ein kluges Mädchen mit rebellischem Geist und messerscharfem Verstand. Sie lernt Lesen und beginnt, heimlich Geschichten zu schreiben. Als sie vierzehn ist, soll sie an einen alten Witwer verheiratet werden. Auf dem Markt wird sie ihm vorgeführt und ist entsetzt. Ein junger Mann mit dunklen Locken und sanften Augen erkennt ihre Verzweiflung und hilft Ana. Ihre Begegnung wird alles verändern.


Wie keine andere Autorin versteht es Sue Monk Kidd, Frauen eine Stimme zu geben, die sich dem Rollenverständnis ihrer Zeit widersetzen. »Das Buch Ana« ist eine spannende Geschichte weiblicher Selbstfindung in einer Zeit, in der Frauen Lernen und Schreiben verboten war. Ana folgt ihrer Sehnsucht, sie kämpft für ihre Freiheit, und sie schreibt die Geschichte, die wir alle zu kennen glauben, neu. (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Das gewählte Thema ist schon mutig, dachte ich beim erstmaligen Lesen. Die Jugend- und frühen Erwachsenenjahre von Jesus, in dessen Leben es in diesem Roman eine Ehefrau, Ana, gibt. Ich mag es, wenn Autor*innen historische Gegebenheiten neu und künstlerisch interpretieren- und ich kenne auch Sue Monk Kidd, die mit ihren Werken 'Die Bienenhüterin' und 'Die Erfindung der Flügel' nachhaltigen Eindruck in meinem Lesegedächtnis hinterlassen hat. Schon bei ihren vergangenen Werken zeigte sich, dass sie keine Angst hat Frauen eine Stimme zu geben und auch prekäre Themen zu bearbeiten (zum Beispiel traute sie sich, als weiße Autorin aus der Sicht eines schwarzen Sklavenmädchens zu schreiben). Ich mag mutige Frauen, und auch hier wird wieder ein Thema bearbeitet das bei manchen Leser*innen einen Aufschrei verursachen kann. Ich muss sagen, ich war restlos begeistert. Die sprachliche Virtuosität, die bunt gemalten Bilder in den Sätzen und die brilliant ausgearbeiteten Charaktere haben mich nachhaltig beeindruckt. Sue monk Kidd ist für mich der Garant für fesselnde Geschichten, die aber nie übertrieben oder gar schmalzig oder kitschig werden. Dafür sind sie immer berührend und bleiben ganz lange im Gedächtnis. Ganz großes Kino- die Protagonistin Ana ist ein Mädchen und später Frau, die mir sehr nahe war. Ich verstand ihre Nöte, ihre Ängste und weinte und lachte mit ihr, als sie durch ihr Leben ging. Als ich das Buch zuschlug und sie verlassen musste war es wie Abschied nehmen von einer Freundin. Wer dieses Buch nicht liest, ist selber schuld. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙


Gelesen im August 2022

 

istock/Kriazheva



Damon Galgut- Das Versprechen  💙💙🤍🤍🤍
Marta Orriols- Sanfte Einführung ins Chaos 💙 💙 💙 💙 💙
Mary Beth Keane- Mit dir bis ans Ende der Welt 💙💙💙💙💙 (Rezi folgt am 29.09.22)
Romy Fölck- Die Rückkehr der Kraniche 💙💙💙💙🤍
Mariana Leky- Kummer aller Art 
💙💙💙💙🤍
Pilar Quintana- Abgrund
Anne Benning- Dark Sigils, Teil 1
David Diop- Reise ohne Wiederkehr oder die geheimen Hefte des Michel Adanson
Jan Böttcher- Das Rosen-Experiment




[Rezension] Christopher Buehlmann- Der schwarzzüngige Dieb

 

Klett-Cotta Verlag
528 Seiten
26€
ISBN: 978-3-608-98641-9

Worum geht's? 

Kinsch Na Shannack schuldet der Diebesgilde ein kleines Vermögen für seine Ausbildung, die unter anderem das Knacken von Schlössern, den Kampf mit Messern, das Erklettern von Mauern, das Weben von Lügen, das Fallenstellen sowie ein paar kleinere Zaubereien umfasst. Seiner Schulden wegen liegt er an der alten Waldstraße auf der Lauer, um den nächsten Reisenden, der seinen Weg kreuzt, auszurauben. Doch an diesem Tag hat Kinsch sich das falsche Ziel ausgesucht.
Galva ist Ritterin, eine Überlebende der brutalen Koboldkriege, und Dienerin der Todesgöttin. Sie ist auf der Suche nach ihrer Königin, die vermisst wird, seit eine weit entfernte Stadt im Norden von Riesen erobert wurde.
Kinsch hat Glück, mit dem Leben davongekommen zu sein. Er findet sein Schicksal mit dem von Galva verwoben. Gemeinsame Feinde und ungewöhnliche Gefahren zwingen den Dieb und die Ritterin auf eine epische Reise, auf der Kobolde nach Menschenfleisch hungern, Kraken in dunklen Gewässern jagen, und Ehre ein Luxus ist, den sich nur wenige leisten können
. (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Gute Fantasy ist schwer zu finden. Ganz besonders Fantasy, die auch mal neue Ansätze bietet. Danach bin ich persönlich immer auf der Suche. Fakt ist, der Autor hat das Rad auch nicht neu erfunden, es finden sich doch gewisse Parallelen zu anderen Geschichten und landläufigen Stories. 
ABER es gibt trotzdem etwas, das sich von allem anderen abhebt, und das ist der Erzählstil und die Stimme des Erzählers. Wir erleben die Geschichte nämlich durch die Augen von Kinsch, einem durchtriebenden und schlauen Dieb der einen ganz eigenen Blick auf die Welt und ihre Geschehenisse hat. Er hat nur leider das Problem, dass er seiner Gilde Geld schuldet- und sich nun auf den Weg macht, um seine Schulden zu tilgen. Seine Erzählweise ist auf jeden Fall ziemlich humorvoll, er bringt (beziehungsweise brachte mich) immer wieder zum Schmunzeln. Allerdings sind seine Beschreibungen und Dialoge zuweilen auch etwas derb, das muss man mögen. Ich bin da zwiegespalten- zum Einen mochte ich die trockene und auch ziemlich sarkastische Art ganz gerne und fühlte mich dadurch gut unterhalten. Zum Anderen waren mir manche Szenen aber auch wirklich zu brutal und auch irgendwie unpassend im sonstigen eher fluffigen Tenor des Romans. Im Großen und Ganzen war der Roman aber absolut lesenswert und unterhaltsam und ich halte ihn für einen sehr interessanten Auftakt für die neue Reihe. Einzig ein paar Längen hätte man noch wegkürzen können, was vielleicht 50 Seiten weniger gebracht hätte. Für mich aber auf jeden Fall ein lohnenswertes Erlebnis!

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Marta Orriols- Sanfte Einführung ins Chaos

 

DTV Verlag
240 Seiten
22€
ISBN: 978-3-423-29000-5
*Rezensionsexemplar*

Worum geht‘s? 

»Ich bin schwanger. Und ich will es nicht bekommen.«
Marta und Daniel. Ein junges Paar von heute. Beide sind Anfang 30, sie arbeitet als freie Fotojournalistin, er als Drehbuchautor für TV-Serien. Seit zwei Jahren lieben sie sich, ein Jahr leben sie zusammen und vor Kurzem haben sie einen Hund aus dem Tierheim geholt. Über Kinder haben sie noch nie gesprochen, auch nicht über ihre Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft. Daniel hat seinen Vater früh verloren und sich geschworen, ein Kind nie im Stich zu lassen. Marta hat von klein auf von einer selbstbestimmten Zukunft geträumt und jetzt die Chance, in einer Berliner Galerie ihren beruflichen Traum zu erfüllen. Über sechs Tage begleitet man Daniel und Marta in ihrem Gedanken- und Gefühlschaos – bis zum 
vereinbarten Termin für den Schwangerschaftsabbruch.

Meine Meinung: 

Wie reagieren wir darauf, wenn sich unser Leben von einem auf den anderen Tag komplett ändert? Wenn alles, was gestern noch normal war, plötzlich keine Bedeutung mehr hat? Den Figuren in diesem Buch, Daniel und Marta, geht es so. Als Marta ungeplant schwanger wird müssen die beiden überlegen, wie ihr Leben weitergehen soll. Im heutigen Barcelona leben sie, sind ein Paar das jede*r kennen könnte. Der Schreibstil der Autorin ist in jedem Fall schonmal sehr angenehm, ich kam sofort rein ins Buch. Die Stärke dieses Romans ist das Beleuchten der Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln- ihrem und seinem. Das Buch ist demnach auch unterteilt. 

Die Frage, die sich die beiden Protagonist*innen stellen müssen ist mit Sicherheit keine einfache. Charakterliebhaber*innen kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten! Mir ist Charakterentwicklung in Büchern extrem wichtig, ich finde dass dies einem Roman überhaupt erst eine Seele gibt. Ich kann mit hervorragend gezeichneten Charakteren und kaum oder wenig Handlung leben- aber nicht umgekehrt. Die Autorin begleitet ihre Figuren behutsam durch ihren Entscheidungsprozess, durch ihre Gedankenwelten, Ängste und Einsichten. Dabei klingt der Roman zu keiner Zeit überhastet oder gezwungen. Im Gegenteil, es wurde seitens der Autorin sehr darauf geachtet, sich Zeit zu nehmen, so wie sich auch wichtige Gedanken oder Prozesse nicht beschleunigen lassen. Dennoch ist es kein Wälzer mit Überlänge, sondern ein kompakter kleiner Roman mit seinen 230 Seiten. Ich mag es, wenn etwas nicht künstlich gestreckt wird sondern gesagt wird, was gesagt werden soll. Ich kenne andere Autor*innen, die dieses Werk auf 600 Seiten gedehnt hätten, ohne eine andere Grundaussage zu machen. 

Mich hat dieser Roman in jedem Fall komplett abgeholt. Ich habe lange nicht mehr so eine berührende und doch on-Point Geschichte gelesen und vergebe guten Gewissens 5/5 Herzchen. 



Meine Bewertung: 💙 💙 💙 💙 💙


[Rezension] Damon Galgut- Das Versprechen

 


Luchterhand Literaturverlag
368 Seiten
24€
ISBN: 978-3-630-87707-5
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

Das Versprechen« erzählt vom zunehmenden Zerfall einer weißen südafrikanischen Familie, die auf einer Farm außerhalb Pretorias lebt. Die Swarts versammeln sich zur Beerdigung ihrer Mutter Rachel, die mit vierzig an Krebs stirbt. Die jüngere Generation, Anton und Amor, verabscheuen alles, wofür die Familie steht - nicht zuletzt das gescheiterte Versprechen an die schwarze Frau, die ihr ganzes Leben für sie gearbeitet hat. Nach jahrelangem Dienst wurde Salome ein eigenes Haus, eigenes Land versprochen ... doch irgendwie bleibt dieses Versprechen mit jedem Jahrzehnt, das vergeht, unerfüllt. (Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Ich war von dem Thema, als ich davon las, ziemlich angetan. Grundsätzlich lese ich gerne Romane über Apartheid und Co. Ich erwartete eine interessante Geschichte mit tiefgründigen, spannend ausgestalteten Charakteren. Leider hatte ich schon am Anfang ein großes Problem- den Schreibstil. Das ganze Buch kommt ohne wörtliche Rede aus. Es fällt teilweise wahnsinnig schwer, den Gesprächen zu folgen und Dialoge von Fließtext zu unterscheiden. Damit kam ich nicht zurecht, es gibt aber Autor*innen, denen man trotzdem folgen kann. Leider kommt noch hinzu, dass der Autor zu großen Sprüngen neigt- teilweise wechselt innerhalb eines Satzes die Perspektive oder das komplette Thema, sodass es wahnsinnig anstrengend wird, dem roten Faden zu folgen. 
Die Handlung selbst bleibt merkwürdig oberflächlich, bleibt blass. Und die Charaktere, auf die ich mich gefreut hatte bleiben mir völlig fremd. Sie spielen irgendwie keine richtige Rolle- dass der Autor zusätzlich nur allzugern in Fäkalsprache abdriftet und der ganze Inhalt irgendwie sexualisiert wirkt kam als Sahnehäubchen oben drauf. Leider, leider war dieser Roman überhaupt gar nicht mein Fall. Weder Geschichte noch Stil haben mich überzeugt. 

Meine Bewertung: 💙 💙 🤍 🤍 🤍

Bücher abbrechen- Ja oder Nein?

 



Du liest ein Buch, das richtig gut klingt. Der Einband hat dich schon beim Buchhändler angesprochen, du hast es in die Hand genommen und den Klappentext gelesen. Ui, der klingt gleichfalls enorm spannend. Du hast richtig Bock auf das Buch, also muss es mit nach Hause. Zuhause dann machst du dir einen Tee, stöpselst das Modem aus und stellst die Türklingel ab. Jetzt nur keine Störung! 
Du ziehst dir deine Lieblingslesekuschelsocken an (die mit den Rentieren drauf!) und schmeißt dich auf das Sofa. Einmal tief durchatmen, am frischen Buch schnüffeln (dieser Papierduft!)- und dann schlägst du es in freudiger Erwartung auf. 
Nach den ersten Zeilen merkst du, ui, der Schreibstil ist jetzt nicht so ganz dein Ding. Nicht so atmosphärisch und bildhaft, wie du es gerne magst. Kurze, schmucklose Sätze mit simpler Konstruktion. Aber gut. Das hättest du gewusst, wenn du im Geschäft die ersten Sätze angelesen hättest. Selbst schuld... was soll's. Du wirst es schon überleben, wenn die Handlung erstmal richtig in Schwung kommt. 
Dein fettes, glückliches Honigkuchenpferd-Grinsen wird im Laufe der Seiten immer weniger, deine Lippen dünner, als du sie zusammenpresst. Die Protagonisten handeln irgendwie blöd, nicht nachvollziehbar. Die Handlung kommt nach hundert Seiten noch immer nicht so richtig in Schwung. Dann nimmt es scheinbar Fahrt auf- und dann kommt sie, eine red flag. Etwas, was für dich ein absolutes NoGo in Büchern darstellt (ich persönlich z.B. kann es absolut nicht ausstehen wenn Tiere in Büchern mißhandelt werden oder sterben). 
Was jetzt? Überblättern oder nicht? Du entscheidest dich für 'Augen zu und durch'. Solange es nur die eine Stelle ist. 
So bei 2/3 des Buches merkst du, das wird nix mit dir und der Geschichte. Ihr schwingt nicht auf einer Wellenlänge- du wirst nicht abgeholt oder langweilst dich tödlich, bist ernsthaft abgestoßen oder schüttelst ständig den Kopf. 

Jetzt könntest du das Buch abbrechen. Es gibt Argumente dafür- zum Beispiel verschwendete Lebenszeit. Aber auch Argumente dagegen- das Buch hat nicht wenig Geld gekostet. 
Ich gehörte immer zu den Leserinnen, die durchgezogen haben. Egal wie schlecht ich das Buch fand. Egal wie sehr ich mich quälte. Es fühlte sich wie eine persönliche Niederlage an, ein Buch abzubrechen. Im Laufe der Jahre merkte ich aber, dass es sich für mich einfach falsch anfühlt, mich zu quälen obwohl es da draußen soviele Bücher gibt, die mir echte Freude machen werden. Ich gebe einem Buch heute ca. 100 Seiten Zeit. Bin ich dann nicht voll drin, breche ich ab und gebe den Roman weiter an jemanden, der vielleicht Freude dran haben wird. 

Was ist mit euch? Brecht ihr ab oder nicht? 

Gelesen im Juli 2022

 

istock/Kriazheva
Diesen Juli war ich tatsächlich ziemlich produktiv. Und das nicht, weil ich Urlaub gehabt hätte und schlicht und ergreifend nichts anderes zu tun, nein: Ich habe mir tatsächlich mal entsprechend Zeit genommen. Folgende Bücher habe ich diesen Monat gelesen (nicht alle mit Rezension, falls ja, sind sie verlinkt):

Klaus-Peter Wolf- Ostfriesenblut 💙🤍🤍🤍🤍
Evelyne Aschwanden- Herrin des Waldes 💙💙💙💙🤍
Walter Moers- Der Schrecksenmeister 💙💙💙💙💙
Bonnie Garmus- Eine Frage der Chemie 💙💙💙🤍🤍
Frances Hardinge- Schattengeister 💙💙💙💙💙
Juli Zeh- Über Menschen 💙💙💙💙💙
Juli Zeh- Unterleuten 💙💙💙💙🤍
Matt Haig- Ich und die Menschen 💙💙💙💙💙
Karin Kalisa- Fischers Frau 💙💙💙🤍🤍
Madeleine Miller- Galatea 💙💙💙💙🤍(Rezi folgt am 19.10.22)
Ruth Ozeki- Die leise Last der Dinge 💙💙💙💙💙 (Rezi folgt am 01.09.22)
Susanne Beda- Dein Schweigen, Vater (unbewertet)


Lesen bildet Teil 1- Alte Obstsorten

 


istock/lerbank

Hallo du 🌻
Du kennst das sicher- wenn du hin und wieder ein Buch in die Hand nimmst (oder auch ein bißchen öfter) stößt du hin und wieder auf etwas, das du noch nicht kanntest. Entweder dreht sich der Roman um ein bestimmtes Thema mit dem du dich zuvor noch nie beschäftigt hast, oder eine Figur aus dem Buch geht irgendeinem verrückten Hobby nach, von dem du zuvor noch nie gehört hattest. Wenn mir das passiert verbringe ich entweder parallel während des Lesens oder nach Beenden des Buches einige Zeit mit Recherche- und es ist tatsächlich schon einige Male vorgekommen, dass ich mich danach eingehender mit eben dieser Sache beschäftigt habe. Deswegen gibt es jetzt diese Kategorie-ich werde jeweils das Buch erwähnen das mich auf das Thema gebracht hat und werde meine Recherche diesbezüglich mit dir in angenehmen Häppchen teilen. Soweit zur Erklärung. 



🍎🍏🍎
Heutiges Thema: Alte Obstsorten, genauer, Apfelsorten 🍎🍏🍎

Ausschlaggebend für dieses Thema war damals die Lektüre von Tracy Chevaliers 'Der Ruf der Bäume'. Es geht um eine Familie im 19. Jahrhundert die eine Apfelplantage in Sumpfland aufbauen will. Es ist eine tragische und emotionale Familiengeschichte, die mich seinerzeit sehr beeindruckt hat. Der Rahmen wird gebildet von einem beherrschenden Thema- Apfelbäumen. Das Ganze wird so plastisch beschrieben, dass ich nicht anders konnte als meinen Horizont zu erweitern. 
Wusstet ihr, dass es in Deutschland 1600- 2000 Apfelsorten gibt? Ich wusste es nicht, und das ist auch nicht verwunderlich- denn in den Handel schaffen es gerade mal 70 Sorten davon. Der Rest existiert nur noch als private Liebhaberei in irgendwelchen versteckten Ecken und geheimen deutschen Gärten. 
Äpfel werden generell nach verschiedenen Kriterien beurteilt: 

Reifezeitpunkt
Lagerungsfähigkeit
Verwendung (ob zum Beispiel für Saft oder als Kuchenapfel)

Wer es vielleicht noch von den Großeltern kennt oder das Glück hat, selbst eine alte Streuobstwiese zu besitzen kennt sicher noch Sorten wie Boskoop oder Weißer Klarapfel. Ersterer ist sehr sauer und besonders erwähnenswert weil er in einem Keller sehr lange lagerfähig ist (bis Februar, früher oft die einzige Vitaminquelle im Winter). Letzterer war ebenso wichtig, weil er bereits im späten Frühjahr reif wird. So war die Spanne zwischen den verschiedenen Apfelsorten nicht so lang. Es soll ja mal Zeiten gegeben haben in denen man nicht jederzeit in den Supermarkt gehen konnte, um zu jeder Jahreszeit Äpfel zu kaufen. 
Nicht nur als Nahrungsmittel spielte der Apfel schon immer eine große Rolle. Angefangen von der allseits bekannten Geschichte von Adam, Eva und dem Apfel über die griechische Mythologie bis hin zu Wilhelm Tell. Und selbst im Märchen begegnet uns der Apfel- es ist die Frucht, die vergiftet wird, um Schneewittchen zu töten. 
Ich habe angefangen, die kleinen bunten Äpfelchen im Supermarkt mit anderen Augen zu betrachten. Und bei mir führte es sogar dazu, dass ich für meinen Garten ein paar alte Sorten ausgesucht und ausgepflanzt habe. Ich möchte gerne dazu beitragen, dass diese Sorten erhalten werden. Und all das nur durch den 'Ruf der Bäume'...