Posts mit dem Label Regional werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Regional werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

[Rezension] Gianna Molinari- Hinter der Hecke die Welt

 

Hier kaufen
24€
208 Seiten
ISBN 335104173X
Reziexemplar
Worum geht's? 

Ein Dorf hat Angst vor dem Verschwinden. Deshalb trifft es Maßnahmen: Die bei den Touristinnen und Touristen beliebte Hecke wird gehegt und gepflegt, der Stand der Dorfkasse wird regelmäßig überprüft. Vor allem aber kümmert man sich um Pina und Lobo, denn die Kinder sind die Zukunft des Dorfes. Doch Pina und Lobo wachsen schon lange nicht mehr. Während das Dorf auf die Wachstumsschübe der Kinder wartet, beobachtet Pinas Mutter in der Arktis, wie das Eis schmilzt und Grenzen sich verschieben.
Nach ihrem gefeierten Debüt legt Gianna Molinari erneut ein eindrucksvolles Porträt über die wechselseitige Durchdringung von Natur und Kultur vor, einen Roman, der unsere Vorstellungen von Wachstum und Stillstand hinterfragt und dabei ebenso viel poetische wie politische Kraft entfaltet. 

Meine Meinung:

Seit Dörte Hansens 'Mittagsstunde' bin ich bekennender Dorfgeschichten- Fan. Der Mikrokosmos Dorf stellt für mich eine reizvolle Quelle faszinierender Geschichten dar. 
Das Dorf, in dem Pina und Lobo, die einzigen Kinder, leben, bildet den einen Erzählstrang. Der andere spielt in der Arktis, wo Pinas Mutter auf einer Expeditionsreise unterwegs ist. Im Grunde dreht sich das Buch auf zwei unterschiedlichen Ebenen um das Verschwinden- beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven. Dora, Pinas Mutter, sieht in der Arktis die Auswirkungen des Klimawandels, die den meisten Menschen (noch) verborgen bleiben. Ein fragiles Ökosystem, in dem die Einmischung des Menschen stets ein Balanceakt bleibt. Wie hier mithilfe kleiner Anekdoten auf Missstände hingewiesen wurde, gefiel mir gut. Zwischendurch gibt es kleine eindrucksvolle Zeichnungen und Bilder, die diese verdeutlichen. Pina, mit ihrem Vater im Dorf verbleibend, sieht das Verschwinden der Dorfwelt. Keine weiteren Kinder oder Erben mehr, die über alles geliebte Hecke des Dorfes fällt einem Verbrechen anheim, Touristen werden sparsamer und bleiben schließlich ganz aus, Menschen gehen weg. 

Generell, so finde ich, ein spannender Roman, der gekonnt die beiden Ebenen miteinander verflechtet und im Kleinen wie im Großen zeigt, wohin wir steuern. Das Dorf als Parabel für menschliche Gesellschaften, das große Verschwinden der Dorfkultur und von Lebenswelten. Also, soweit eigentlich etwas, das mir gefiel. 

Was mir aber wirklich sauer aufstieß, ist der Preis des Buches. Für 208 Seiten, die so bedruckt sind dass oft nur einseitig Text ist und so einige Seiten aufgrund kleiner Zeichnungen halbleer, finde ich 24€ schon sehr knackig. Hätte ich das Buch nicht als Rezensionsexemplar bekommen, ich hätte es mir nicht gekauft. Hier empfehle ich dringend, auf die Taschenbuchausgabe zu warten. Die ist es dann aber auch wert. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍



[Rezension] Juli Zeh und Simon Urban- Zwischen Welten


Kaufen
24€
448 Seiten
ISBN 3630877419

 Worum geht's? 

Zwanzig Jahre sind vergangen: Als sich Stefan und Theresa zufällig in Hamburg über den Weg laufen, endet ihr erstes Wiedersehen in einem Desaster. Zu Studienzeiten waren sie wie eine Familie füreinander, heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten übrig.
Stefan hat Karriere bei Deutschlands größter Wochenzeitung DER BOTE gemacht, Theresa den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg übernommen. Aus den unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden. Stefan versucht bei seiner Zeitung, durch engagierte journalistische Projekte den Klimawandel zu bekämpfen. Theresa steht mit ihrem Bio-Milchhof vor Herausforderungen, die sie an den Rand ihrer Kraft bringen.
Die beiden beschließen, noch einmal von vorne anzufangen, sich per E-Mail und WhatsApp gegenseitig aus ihren Welten zu erzählen. Doch während sie einander näherkommen, geraten sie immer wieder in einen hitzigen Schlagabtausch um polarisierende Fragen wie Klimapolitik, Gendersprache und Rassismusvorwürfe. Ist heute wirklich jeder und jede gezwungen, eine Seite zu wählen? Oder gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen den Welten? Und können Freundschaft und Liebe die Kluft überbrücken?

Meine Meinung: 
Dieser Roman bringt schon einmal eine Besonderheit mit sich: Er besteht komplett aus Emails und Whats App Nachrichten zwischen den beiden Protagonisten. Dies bringt meist diverse potentielle Schwierigkeiten mit sich, das letzte Buch in dieser Erzählform das ich gelesen habe war damals 'Gut gegen Nordwind', das für mich einer der größten Flops meiner Lesegeschichte war. Dennoch war ich dem Rahmen gegenüber vorurteilsfrei, denn die Schwächen des genannten Romans waren andere. So ließ ich mich freudig darauf ein. Ich mag generell wenn Kapitel kurz und übersichtlich sind, so kann ich leichter wieder einsteigen und kurz unterbrechen (ich bin eine Abends im Bett- Leserin, und irgendwann fallen mir da die Augen zu). 
Schon auf den ersten Seiten merkte ich allerdings, dass zwischen diesem Buch der beiden Autoren Juli Zeh und Simon Urban und dem Roman von Daniel Glattauer Lichtjahre liegen und die beiden absolut null vergleichbar sind. Der Anspruch ist ein ganz anderer, alleine sprachlich ist 'Zwischen Welten' eine echte Wohltat. 
Mich würde natürlich interessieren ob die beiden Autor*innen sich die beiden Charaktere beim Schreiben auch so aufgeteilt haben- ob sie vielleicht tatsächlich während des Schreibprozesses einen jeweiligen Alter Ego angenommen haben und das Buch dann quasi diesen Austausch zusammenfasst? Nun, vielleicht werden wir das noch erfahren. Grundsätzlich geht es hier schon ganz schön zur Sache. Beide Hauptcharaktere- Theresa und Stefan- könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, was ihr Leben angeht. Sie führt einen Milchhof in der brandenburgischen Provinz, er gehört zur Kulturelite Hamburgs. Beide haben Probleme, die der jeweils Andere nicht nachvollziehen kann und kollidieren in ihren Ansichten massiv. Und da nehmen sie auch kein Blatt vor den Mund, vor allem Theresa findet wirklich deutliche Worte, die mich manchmal die Luft einziehen ließen. 
So. Mein erster Eindruck war erstmal sehr positiv. Im Laufe des Romans gibt es dann jedoch durchaus ein paar Längen und Redundanz, so wiederholen sich beispielsweise Theresas Vorwürfe, Stefan sei in seiner Blase gefangen, immer wieder. Nur: Das stimmt auch. Im Austausch wird immer wieder klar, dass Stefan in Wirklichkeit nur einen Meter weit sieht und seine eigenen Probleme und täglichen Anforderungen ganz anders (wichtiger) gewichtet als die existentiellen Probleme Theresas. Letzten Endes hat sie das Gefühl, nicht wirklich gehört und verstanden zu werden, was schließlich zur Eskalation führt. Ich empfand den Austausch der Beiden als sehr gutes Abbild zu den gesellschaftlichen Problemen, die hier auch kritisiert werden sollen. Theresa (als Sinnbild der Landwirt*innen) wird nicht wirklich gehört und ernst genommen, bis es eskaliert. Und dann verkehrt sich das Bild in der Öffentlichkeit ins Gegenteil. 
Mich hat der Roman sehr berührt. Als jemand, der sich zwischen beiden Positionen einordnet brachte mich dieser Schlagabtausch schon wirklich zum Nachdenken, und das Ende tat verflucht weh. 
Inzwischen habe ich auch ein paar Kritiken gelesen und kann nur mit dem Kopf schütteln. Genau das, was im Roman angeprangert wird, geschieht darin. Es wird sich über Formalia aufgeregt, anstatt zum Kern des Problems vorzudringen und die Krise wirklich wahr zu nehmen. Für mich persönlich: Ja, auch ich bemerkte Redundanz und die ein oder andere Länge. Aber das Gesamtwerk ist für mich trotzdem so rund und wichtig, dass ich hier die volle Punktzahl vergebe. Ein Roman, der einer systemrelevanten Minderheit eine Stimme verleiht die so laut schreit und doch nie gehört wird, ist wichtiger als perfekte Stilistik. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙



[Rezension] Zeyn Joukhadar- Die Karte der zerbrochenen Träume


Kaufen
22€
448 Seiten
ISBN 3453271513
Reziexemplar

Worum geht's? 

Sommer 2011. Nour ist als Kind syrischer Einwanderer in New York geboren. Als ihr Vater stirbt, beschließt Nours Mutter, in ihre Heimat Syrien zurückzugehen. Doch das Syrien, das Nours Eltern noch kannten, gibt es nicht mehr. Schon bald erreicht der Krieg auch das ruhige Stadtviertel von Homs, in dem die Familie lebt. Als ihr Haus von einer Granate zerstört wird, fällt die Entscheidung, das Land zu verlassen. Ziel ist Spanien, und der Weg wird die Familie durch Jordanien, Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko führen. Auf der Suche nach Trost und Ablenkung erzählt sich Nour während der Flucht die Fabel von Rawiya, einer jungen Abenteurerin, die sich im 12. Jahrhundert dem berühmten Kartografen al-Idrisi anschließt, um die Kunst des Kartenzeichnens zu erlernen. Viele Orte, die Rawiya durchreist, liegen auf der Route von Nour und ihrer Familie. Damals wie heute lauert Gefahr. Bis Nours Mutter vor einer Entscheidung steht, die die Familie für immer auseinanderreißen könnte.

Meine Meinung:
 

Der Roman behandelt ein Thema, das im Jahr 2023 aktueller den je ist. Immigration beinhaltet Geschichten, die wir in Zukunft noch wesentlich öfter lesen werden. 
Dieses Buch nun behandelt das Thema mithilfe zweier Erzählstränge, einen märchenhaft angehauchten und einen realistischeren. Ob man die verklärte Erzählweise von Krieg und Co. gutheißt, mag jede*r für sich selbst beurteilen- ich mag das gerne, zumal der Mensch dazu neigt, unerträgliche Zustände für sich ertragbar zu machen- ähnliche Ansätze kennen wir beispielsweise aus 'das Leben ist schön'. Insofern finde ich es eigentlich sehr passend, dass ein Kind sich eine Flucht zu einem Märchen macht. Ich kam eigentlich recht gut hinein in diesen Roman, obgleich der Kulturkreis fremd und die Probleme für eine Westeuropäerin weit weg sind (wenn auch, seit kurzem, nicht mehr ganz so weit weg). 
Identitätsverlust, Erhalten kultureller Bräuche und das Fremdheitsgefühl sind zentrale Punkte in dieser Geschichte. Neben einer reichen Geschichte islamischen Gelehrtentums erzählt der Roman eine Geschichte der Suche nach sich selbst, danach, was Heimat bedeuten kann, wie dramatische Erlebnisse besondere Bindungen zwischen Menschen entstehen lassen und welche Verzweiflung mit dem scheinbaren oder tatsächlichen Verlust der eigenen Identität einhergeht. Dabei liegt der Fokus vor allem auch darauf, wie man Karten lesen und verstehen kann und dass es bestimmte Dinge gibt, die auf Karten gar nicht verzeichnet sein können.
Leider gab es hier und da auch ein paar Längen und der märchenhafte Strang war mir etwas zu langatmig. Stellenweise ging mir das ganze geschichtlich etwas zu sehr ins Detail- und letzten Endes war auch ein bißchen zuviel Zufall im Spiel der die Figuren ereilte. 

Meine Kritikpunkte empfand ich doch schon als recht störend, sodass ich mit einem eher durchschnittlichen Leseerlebnis zurück bleibe. 

Meine Bewertung:   💙💙💙🤍🤍


[Rezension] Romy Fölck- Die Rückkehr der Kraniche


Argon Hörbuch Verlag
9h 26min
16€
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

Ein altes Haus inmitten der Elbmarsch, die Kraft der Natur und drei Frauengenerationen, die nach Jahren dort wieder aufeinander treffen.
Zwei Schwestern mit unterschiedlichen Lebensentwürfen treffen aufeinander, als die Mutter im Sterben liegt. Im alten Reetdachhaus in der Elbmarsch müssen sich die Hansen-Frauen ihrer Vergangenheit stellen, mit all ihren Geheimnissen und Fragen, und lernen, dass ein Ende immer auch ein Anfang sein kann.
Nach langer Zeit treffen die Schwestern Grete und Freya in ihrem Elternhaus wieder aufeinander. Ihre Mutter Wilhelmine hat einen Schwächeanfall erlitten, Freya kommt sofort aus Berlin angereist. Sie will helfen, aber mehr noch ihrem eigenen Leben entfliehen. Ihr Freund hat sie verlassen, und damit die letzte Hoffnung auf die Gründung einer eigenen Familie.
Grete ist ebenfalls Single, sie ist ihr Leben lang im kleinen Dorf an der Elbe geblieben, eine frühe Schwangerschaft machte ihre Träume von der weiten Welt zunichte. Sie kümmerte sich erst um ihre Tochter Anne, dann brauchte Wilhelmine mehr und mehr Unterstützung mit Haus und Hof. Gretes Zufluchtsort ist die Natur, der Garten, vor allem aber das Naturschutzgebiet an der Elbe, wo sie als Vogelwartin arbeitet. Als sich jetzt, kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag, eine unerwartete Chance zum Ausbrechen bietet, auf die sie schon lange gehofft hat, braucht sie einmal die Unterstützung ihrer Familie mehr denn je.
Auch Anne kommt, um der Großmutter nahe zu sein. Das Verhältnis zu ihrer Mutter Grete ist angespannt – sicherlich auch, weil diese nie verraten hat, wer Annes Vater ist. Und auch Wilhelmine liegt ein Geheimnis auf den Lippen. (Quelle: Verlag) 

Meine Meinung: 

Ich hatte das Vergnügen, diesen Roman als Hörbuch zu hören. Vergnügen deshalb, weil die Leserin, Tessa Mittelstaedt, einfach hervorragend liest. Ihre Stimme ist grundsätzlich schon äußerst angenehm- sehr wichtig für mich, da bin ich wirklich pienzig. Ich kann ein Hörbuch nicht beenden, wenn mir die Vorlesestimme nicht wirklich zusagt. Auch nicht, wenn es 'nur' 9 1/2h dauert, wie diese gekürzte Ausgabe. Das war also zumindest kein Problem. Dann schaffte es die Leserin aber auch, jeder einzelnen Protagonist*in eine ganz charakteristische Stimme zu verleihen, die zu den Eigenheiten der Person passte. Mir machte das die Vorstellung auf jeden Fall viel leichter, und es machte das ganze einfach auch sehr erfrischend. 
Manchmal hatte ich das Gefühl, die Personen wären mir persönlich bekannt. Die Autor*in hat den Flair der beschriebenen Region (Elbmarsch) wahnsinnig plastisch eingefangen- ich roch richtiggehend das Wasser, die Gräser und das Sauerteigbrot- und hörte das Knarren der alten Dielen und das Rascheln des Reetdaches. Nicht jede Figur war mir gleichermaßen sympathisch, aber alle waren nachvollziehbar gezeichnet und hatten eine Seele. Das Erzähltempo war eher gemütlich, ruhig, passte absolut zur Handlung, die sich in aller Ruhe entfaltete. Gut gefallen hat mir auch besonders, dass die Autor*in mit Anna auch eine Person eingebracht hat, die die Diversität im Roman erhöhte. Dabei wirkte es aber nicht erzwungen oder bemüht (wie so oft) sondern fügte sich organisch in Handlung und Charakterentwicklung ein. Alles in Allem auf jeden Fall ein rundes Erlebnis- das Einzige was ich unnötig fand war die Kürzung, denn auch die ungekürzte Version ist jetzt nicht unglaublich lang. Hin und wieder merkte man es auch ein wenig, fand ich. Das war ein wenig schade. Sonst muss ich aber sagen, ich habe mich beim hören sehr gut unterhalten gefühlt. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍



[Rezension] Mariana Leky- Kummer aller Art

 

DuMont Verlag
176 Seiten
22€
ISBN 3832182160
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

»Alle wirken innerlich blitzblank, nur in unserem Inneren sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa«, denkt sich Kioskbesitzer Armin, als er vergeblich versucht, erfolgreich zu meditieren. Und auch im Inneren der anderen Figuren dieser literarischen Kolumnen herrscht Unordnung: Frau Wiese kann nicht mehr schlafen, Herr Pohl ist nachhaltig verzagt, Lisa hat ihren ersten Liebeskummer, Vadims Hände zittern, Frau Schwerter muss ganz dringend entspannen, ein trauriger Patient hat seine Herde verloren, und Psychoanalytiker Ulrich legt sich mit der Vergänglichkeit an. Kummer aller Art plagt die Menschen, die sich, mal besser, mal schlechter, durch den Alltag manövrieren. Aber der Kummer vereint sie auch, etwa, wenn auf Spaziergängen Probleme zwar nicht gelöst werden, aber zumindest mal an die Luft und ans Licht kommen.
Klug, humorvoll und mit großem Sinn für Feinheiten und Absurditäten porträtiert Mariana Leky Lebenslagen von Menschen, denen es nicht an Zutraulichkeit mangelt, wohl aber am Mut zur Erkenntnis, dass man dem Leben nicht dauerhaft ausweichen kann. (Quelle: Verlag) 

Meine Meinung: 

Man könnte ja meinen, ein Buch über Kummer wäre deprimierend und nicht gerade passend als Sommerlektüre. Wer aber die Autor*in kennt, kann sich vielleicht schon eher vorstellen dass das ganze nicht in tränennasse Kissen und schwere Melancholie abgleitet. Der lockere, humorvolle Schreibstil macht das Büchlein zur vergnüglichen Lektüre. Das Ganze ist ja eine Sammlung von Kolumnen der Autor*in, das heißt es sind mehrere Geschichten und kein zusammenhängender Roman in dem Sinne- und ich finde, das lockert das Ganze noch mehr auf und lässt sich sehr angenehm lesen. Auch wenn man nur dosiert lesen will, immer ein, zwei Geschichten am Tag zum Beispiel, geht das sehr gut. Trotz der relativen Kürze der Geschichten vermag es Frau Leky, einem das Schicksal der Figuren nahe zu bringen. Ich fühlte auf jeden Fall mit ihnen mit, und es ist eine Kunst, dies in diesem Umfang zu transportieren. Mein Mißtrauen, dass das Büchlein zu deprimierend sei, war nach wenigen Seiten zerstreut. Dazu muss ich sagen, ich bin sonst kein Fan von Kurzgeschichten- ich begleite Figuren in Romanen lieber über längere Zeit, gewinne sie lieb und vermisse sie dann am Ende wie alte Freunde. Auch Charakterentwicklung- etwas das mir sonst sehr wichtig ist- ist in Kurzgeschichten nur begrenzt möglich. Es hat sich in diesem Fall aber absolut gelohnt, über den Tellerrand zu schauen. So oft musste ich bei der Lektüre grinsen und kichern und die Autor*in hat mich auf jeden Fall dazu gebracht, mein Urteil bezüglich Kurzgeschichten in Zukunft zu überdenken. 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Marta Orriols- Sanfte Einführung ins Chaos

 

DTV Verlag
240 Seiten
22€
ISBN: 978-3-423-29000-5
*Rezensionsexemplar*

Worum geht‘s? 

»Ich bin schwanger. Und ich will es nicht bekommen.«
Marta und Daniel. Ein junges Paar von heute. Beide sind Anfang 30, sie arbeitet als freie Fotojournalistin, er als Drehbuchautor für TV-Serien. Seit zwei Jahren lieben sie sich, ein Jahr leben sie zusammen und vor Kurzem haben sie einen Hund aus dem Tierheim geholt. Über Kinder haben sie noch nie gesprochen, auch nicht über ihre Vorstellungen von der gemeinsamen Zukunft. Daniel hat seinen Vater früh verloren und sich geschworen, ein Kind nie im Stich zu lassen. Marta hat von klein auf von einer selbstbestimmten Zukunft geträumt und jetzt die Chance, in einer Berliner Galerie ihren beruflichen Traum zu erfüllen. Über sechs Tage begleitet man Daniel und Marta in ihrem Gedanken- und Gefühlschaos – bis zum 
vereinbarten Termin für den Schwangerschaftsabbruch.

Meine Meinung: 

Wie reagieren wir darauf, wenn sich unser Leben von einem auf den anderen Tag komplett ändert? Wenn alles, was gestern noch normal war, plötzlich keine Bedeutung mehr hat? Den Figuren in diesem Buch, Daniel und Marta, geht es so. Als Marta ungeplant schwanger wird müssen die beiden überlegen, wie ihr Leben weitergehen soll. Im heutigen Barcelona leben sie, sind ein Paar das jede*r kennen könnte. Der Schreibstil der Autorin ist in jedem Fall schonmal sehr angenehm, ich kam sofort rein ins Buch. Die Stärke dieses Romans ist das Beleuchten der Situation aus unterschiedlichen Blickwinkeln- ihrem und seinem. Das Buch ist demnach auch unterteilt. 

Die Frage, die sich die beiden Protagonist*innen stellen müssen ist mit Sicherheit keine einfache. Charakterliebhaber*innen kommen hier auf jeden Fall auf ihre Kosten! Mir ist Charakterentwicklung in Büchern extrem wichtig, ich finde dass dies einem Roman überhaupt erst eine Seele gibt. Ich kann mit hervorragend gezeichneten Charakteren und kaum oder wenig Handlung leben- aber nicht umgekehrt. Die Autorin begleitet ihre Figuren behutsam durch ihren Entscheidungsprozess, durch ihre Gedankenwelten, Ängste und Einsichten. Dabei klingt der Roman zu keiner Zeit überhastet oder gezwungen. Im Gegenteil, es wurde seitens der Autorin sehr darauf geachtet, sich Zeit zu nehmen, so wie sich auch wichtige Gedanken oder Prozesse nicht beschleunigen lassen. Dennoch ist es kein Wälzer mit Überlänge, sondern ein kompakter kleiner Roman mit seinen 230 Seiten. Ich mag es, wenn etwas nicht künstlich gestreckt wird sondern gesagt wird, was gesagt werden soll. Ich kenne andere Autor*innen, die dieses Werk auf 600 Seiten gedehnt hätten, ohne eine andere Grundaussage zu machen. 

Mich hat dieser Roman in jedem Fall komplett abgeholt. Ich habe lange nicht mehr so eine berührende und doch on-Point Geschichte gelesen und vergebe guten Gewissens 5/5 Herzchen. 



Meine Bewertung: 💙 💙 💙 💙 💙


Geheimtipp des Monats- August 2022

 

istock/Ponomariova_Maria


In dieser Kategorie tauche ich nach Perlen und bewege mich bewusst abseits der Bestsellerlisten. Heute reisen wir nach Afghanistan. 
Wer die Autorin noch nicht kennt, sollte sie dringend kennenlernen. Ich rede natürlich von der wunderbaren Nadia Hashimi! 




Luebbe Verlag
527 Seiten 
17,99 (e-book)


 'Das Licht von vierzig Monden' war eines von den Büchern in das man reinfällt und irgendwann merkt, dass man das Essen vergessen hat und dass es draußen aus irgendeinem Grund plötzlich dunkel ist. Sag es nicht weiter, aber dieser Roman war damals Schuld, dass ich eine Klausur verhauen habe und sie wiederholen musste. Ich wollte einfach lieber Zeba beistehen, die beschuldigt wurde, ihren Ehemann erschlagen zu haben. Die Ausgangslage ist eigentlich ziemlich klar... 

Worum geht's? 

Affäre, Ehebruch oder uneheliche Schwangerschaft – den meisten Insassinnen im Frauengefängnis von Kabul werden moralische Verbrechen zur Last gelegt. Doch bei Zeba ist das anders. Sie soll ihren Ehemann brutal erschlagen haben. Ist die dreifache Mutter wirklich eine kaltblütige Mörderin? Ihr Anwalt Yusuf, ein ehrgeiziger junger Mann mit amerikanischem Abschluss, ist von Zebas Unschuld überzeugt. Aber er kann diese nicht beweisen, solange Zeba ihm nicht anvertraut, was wirklich passiert ist …(Quelle: Verlag)


War sie es wirklich? 

Das ist natürlich die erste Frage, die ich mir stellte. Schon der Klappentext zeigt uns: Wir müssen erstmal davon ausgehen. Denn Zeba wird blutüberströmt in einem Hinterhof mit einer Tatwaffe über ihrem am Boden liegenden Mann stehend gefunden. Klarer Fall, oder? 

Jetzt geht's an Eingemachte... 

Das Spannende an dem Roman ist nicht die Frage, wer es war. Der Mann ist tot, das ist sicher. Die Frage, die die Geschichte so interessant macht und eine so ungeheure Sogwirkung entfaltet ist: Warum ist er tot? Warum sollte eine Ehefrau ihren Ehemann töten? Was sind das für Frauen, die mit Zeba im Gefängnis sitzen? Und wie verläuft ein Prozess, wenn das Wort der Angeklagten kein Gewicht hat? Ich würde den Roman nicht als klassischen Krimi bezeichnen- der Mord bildet nur den Rahmen für die Geschichte, die sich in Wahrheit um etwas ganz anderes dreht, nämlich um die Rolle der Frau in der afghanischen Gesellschaft und vor Gericht. Dort läuft ein Prozess nämlich ganz anders ab als bei uns- hier braucht eine weibliche Angeklagte zum Beispiel einen männlichen Fürsprecher, der vor Gericht ihre Aussage für glaubwürdig erklärt- einen Fürsprecher, der ihren Worten überhaupt erst Gehör verschafft. Schafft die Angeklagte es nicht, so jemanden aufzutreiben wird sie mit hoher Wahrscheinlichkeit drakonisch bestraft. Dass wir uns in der Wüste befinden und die Autorin es vermag, den heißen Wüstenwind so bildhaft zu beschreiben dass wir ihn spüren macht diesen Roman sehr passend für den August. Ich würde ihn als anspruchsvolle Liegestuhllektüre einstufen. Dieses Buch nimmt einen mit auf eine turbulente Reise in ein Land, dass sich in vielerei Hinsicht von Europa unterscheidet. Es bietet einen hervorragenden Einblick in die Kultur und rückt einem die Protagonistin sehr nahe. Mein Tipp: Lies dieses Buch- aber lies es erst, wenn deine eventuelle Klausurenphase abgeschlossen ist.