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[Rezension] Neal Stephenson- Termination Shock

 

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32€
1008 Seiten
ISBN 3442316812
Reziexemplar

Worum geht's? 

In einer Welt der nahen Zukunft hat der Treibhauseffekt zu einer wirbelnden Troposphäre mit Superstürmen, Überschwemmungen und gnadenloser Hitze geführt. Der globale Kollaps scheint unausweichlich, der Anstieg des Meeresspiegels ist nicht mehr aufzuhalten. Doch dann stellt ein texanischer Milliardär die Mittel für ein spektakuläres Projekt bereit, das die globale Erwärmung stoppen könnte. Aber wird es funktionieren? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden wird. Ein mitreißender, apokalyptischer Roman, erzählt von einem der visionärsten Autoren unserer Zeit. (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Neal Stephenson, bekannt für seine visionären und oft genre-übergreifenden Werke, liefert mit "Termination Shock" einen weiteren packenden Roman, der sich mit hochaktuellen Themen wie Klimawandel und Geoengineering auseinandersetzt. In seiner typischen Art verbindet Stephenson wissenschaftliche Fakten mit spekulativer Fiktion und schafft so eine spannende und zugleich nachdenklich stimmende Erzählung. "Termination Shock" spielt in einer nahen Zukunft, in der die Auswirkungen des Klimawandels zunehmend spürbar werden. Die Handlung beginnt mit einem dramatischen Ereignis: Der texanische Milliardär T.R. Schmidt organisiert eine geheime Konferenz, um seine Lösung für das globale Problem des Klimawandels vorzustellen. Er plant, Schwefeldioxid in die Atmosphäre zu injizieren, um die Sonne zu dimmen und die Erde zu kühlen – ein kontroverses Geoengineering-Projekt.

Stephenson führt eine Vielzahl von Charakteren ein, die aus verschiedenen Teilen der Welt und unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten stammen. Dazu gehören ein niederländischer König, ein kanadischer Wildhüter, eine indische Politikerin und viele andere, deren Wege sich im Laufe der Geschichte kreuzen. Diese multiperspektivische Erzählweise ermöglicht es Stephenson, die globalen Auswirkungen und ethischen Dilemmata des Geoengineering umfassend zu beleuchten. Neal Stephensons Stil ist prägnant und detailliert, wobei er komplexe wissenschaftliche Konzepte verständlich und spannend darstellt. Seine Beschreibungen sind oft sehr bildhaft, was dem Leser hilft, sich die zukünftige Welt vorzustellen, die er skizziert. Gleichzeitig bleibt seine Sprache zugänglich und flüssig, was das Lesen trotz der wissenschaftlichen Tiefe angenehm macht. Der Roman behandelt zentrale Themen wie Klimawandel, technologische Innovation und die damit verbundenen ethischen Fragen. Stephenson zeigt die Dringlichkeit der Klimakrise und stellt die Frage, wie weit die Menschheit bereit ist zu gehen, um den Planeten zu retten. Er untersucht die Risiken und möglichen Nebenwirkungen von Geoengineering und thematisiert die politischen und sozialen Implikationen solcher Eingriffe.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Idee der Kontrolle – die Kontrolle über die Natur, das Klima und letztlich das eigene Schicksal. Stephenson zeigt die Ambivalenz menschlicher Eingriffe in die Natur und warnt vor den unvorhersehbaren Konsequenzen, die selbst gut gemeinte Maßnahmen haben können."Termination Shock" von Neal Stephenson ist ein fesselnder Roman, der durch seine Mischung aus wissenschaftlicher Präzision und spekulativer Fiktion besticht. Stephenson gelingt es, ein hochrelevantes Thema auf spannende Weise zu behandeln und dabei sowohl zu unterhalten als auch zum Nachdenken anzuregen. Seine Charaktere sind vielschichtig und glaubwürdig, und die Handlung ist trotz der Komplexität der Thematik packend und gut nachvollziehbar.

Wer sich für zukunftsorientierte Literatur interessiert und bereit ist, sich mit den großen Fragen unserer Zeit auseinanderzusetzen, sollte "Termination Shock" unbedingt lesen. Es ist ein Werk, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken über die Verantwortung der Menschheit für die Zukunft des Planeten anregt – ein wichtiger und beeindruckender Beitrag zur zeitgenössischen Science-Fiction.





Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Ulrike Draesner- Die Verwandelten

 

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26€
608 Seiten
ISBN 3328601724
Reziexemplar

Worum geht's? 


Eine nationalsozialistische Vorzeigemutter, die anderen beibringt, wie Kinder zu erziehen sind, doch über das Wichtigste, was sie verloren hat, niemals spricht. Eine Köchin, die lieber Frauen geliebt hätte als den Dienstherrn, unterwegs durch das zerstörte Deutschland im Sommer 1945. Ein Mädchen in München Solln, geboren in einem Lebensbornheim der SS. Eine alleinerziehende Anwältin von heute, die nach dem Tod ihrer Mutter unverhofft eine Wohnung in Wrocław erbt – und einen polnischen Zweig der Familie entdeckt. Alle Figuren verbindet ein Jahrhundert von Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, von Gewalt. Was bedeutet es, in einem Staat zu leben, der Menschenzucht betreibt? Und wie darüber schreiben, was den Frauen im Krieg geschieht? Was ihnen die Sprache nimmt. Was sie für immer verwandelt. Und wie über die unsichtbare Kraft, die verhindert, dass sie daran zerbrechen?
Ulrike Draesner gibt den Verwandelten ihre Stimmen zurück. Sie erfinden sich neu, wechseln Sprache und Land, überraschen sich selbst mit ihrem Mut, ihrem Humor, ihrer Kraft. Die Bedeutung von Familie verändert sich, Freiräume entstehen. Ein erschütternder Roman, bewegend, aufwühlend, zärtlich, klug.
Schaut: die Liebe der Töchter zu ihren Müttern, der Mütter zu ihren Töchtern. Schaut, wie sie blitzt durch ein dunkles Tuch.

Meine Meinung: 

Die Handlung konzentriert sich auf die Geschichte einer Familie, die durch die Wirren des Krieges auseinandergerissen wird. Besonders im Fokus steht die junge Elisabeth, die nach einem Angriff auf ihr Heimatdorf in Oberschlesien fliehen muss. Ihre Odyssee und die Begegnungen mit anderen Vertriebenen zeigen eindrucksvoll die Brutalität und das Chaos dieser Zeit, aber auch die Widerstandskraft und den Überlebenswillen der Menschen.
Draesners Sprache ist poetisch und zugleich präzise. Sie schafft es, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu erzeugen und die emotionale Tiefe ihrer Charaktere spürbar zu machen. Ihr Stil ist geprägt von einer dichten, atmosphärischen Erzählweise, die den Leser unmittelbar in die Welt der Figuren hineinzieht. Besonders beeindruckend ist, wie sie historische Fakten und persönliche Geschichten miteinander verwebt, ohne dass dabei der literarische Anspruch verloren geht.
Ein zentrales Motiv des Romans ist die Verwandlung – sei es im physischen Sinne durch Flucht und Vertreibung oder im metaphorischen Sinne durch die innere Entwicklung der Figuren. Draesner thematisiert die Frage nach Identität und Heimat, nach Verlust und Neubeginn. Sie zeigt, wie Krieg und Gewalt Menschen verändern, sie aber auch zu neuen Erkenntnissen und Stärken führen können.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Rolle der Frauen in Kriegszeiten. Draesner porträtiert ihre weiblichen Protagonisten als starke, eigenständige Persönlichkeiten, die trotz aller Widrigkeiten ihren Weg gehen. Dies verleiht dem Roman eine zusätzliche Dimension und hebt ihn von anderen historischen Romanen ab.
"Die Verwandelten" von Ulrike Draesner ist ein beeindruckender Roman, der durch seine literarische Qualität und die Tiefe seiner Themen besticht. Draesner gelingt es, die Schrecken des Krieges und die Kraft des menschlichen Geistes in einer poetischen und zugleich eindringlichen Sprache darzustellen. Ihre fein gezeichneten Charaktere und die kunstvolle Verknüpfung von Geschichte und persönlichem Schicksal machen das Buch zu einem Leseerlebnis, das lange im Gedächtnis bleibt.
Wer sich für anspruchsvolle Literatur interessiert und bereit ist, sich auf eine emotionale und intellektuelle Reise zu begeben, sollte "Die Verwandelten" unbedingt lesen. Es ist ein Werk, das sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt – ein wahrer Schatz in der zeitgenössischen deutschen Literatur.
Ulrike Draesner, eine der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Autorinnen, präsentiert mit "Die Verwandelten" einen Roman, der sowohl literarisch anspruchsvoll als auch tief berührend ist. In ihrem Werk verschmelzen historische Fakten, mythologische Bezüge und menschliche Schicksale zu einem eindrucksvollen Gesamtbild, das lange nachhallt. "Die Verwandelten" spielt in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und folgt den Lebenswegen mehrerer Protagonisten, deren Schicksale auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Draesner beleuchtet die Grausamkeiten des Krieges und deren Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Bewusstsein der Menschen. Dabei wechselt sie meisterhaft zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, was dem Roman eine besondere Tiefe und Komplexität verleiht.





Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Laura Imai Messina- Der verborgene Leben der Farben

 

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22€
384 Seiten
ISBN 3442762650
Reziexemplar

Worum geht's? 

Mitternachtsschwarz mit einem Hauch von Mond, Indigo, das nach Heidelbeere riecht, Pfirsichgelb kurz vor der Reife: Mio versteht es, alle Farben der Welt einzufangen und zu benennen. In dem Atelier, in dem ihre Familie Hochzeitskimonos mit alten, seit Generationen überlieferten Symbolen näht und bestickt, lernte sie von klein auf die Bedeutung der Details und entdeckte das verborgene Leben der Farben. Seitdem sind Farben ihr Alphabet, ihr geheimer Schlüssel zur Welt. Aoi hingegen begleitet Beerdigungszeremonien: Er bereitet diejenigen vor, die von dieser Welt gehen, und kümmert sich um jene, die bleiben. Er besitzt die seltene Sensibilität, sein Gegenüber auf den ersten Blick zu verstehen. Als sich Mios und Aois Wege kreuzen, spiegeln sie sich wie zwei Komplementärfarben. Sie scheinen perfekt füreinander, doch ihre Begegnung war kein Zufall.

Laura Imai Messina versteht es meisterhaft, die magische Kraft des Alltäglichen freizulegen. Und Japan, der Ort der Gegensätze, ist die ideale Projektionsfläche dieser Magie. So werden auf den Straßen von Tokio, der zukunftsgewandten Stadt, immer noch die alten Rituale einer tausendjährigen Kultur gelebt, wie die Übergangszeremonien von Hochzeit und Beerdigung. »Das verborgene Leben der Farben« ist ein großstädtisches Märchen, das die Macht hat uns zu verzaubern.(Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Das verborgene Leben der Farben" ist ein unglaublich berührendes Buch, das mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen hat. Laura Imai Messina gelingt es auf wunderbare Weise, die Macht und Schönheit der Farben in unserem Leben aufzuzeigen und dabei gleichzeitig eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Die Art und Weise, wie die Autorin die verschiedenen Farben mit den Emotionen und Gefühlen der Charaktere verwebt, ist einfach magisch. Jede Farbe hat ihre eigene Bedeutung und bringt eine ganz eigene Stimmung in die Geschichte. Ob es nun das tiefe Blau des Ozeans ist, das die Sehnsucht und die Verbundenheit der Protagonisten widerspiegelt, oder das leuchtende Rot der Sonne, das die Hoffnung und die Lebensfreude symbolisiert - jede Farbe hat ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Besonders beeindruckend fand ich auch die Art und Weise, wie Laura Imai Messina die historischen Ereignisse in die Handlung einfließen lässt. Die Geschichte spielt im Japan der Nachkriegszeit und behandelt Themen wie Trauer, Verlust und die Suche nach einem Neuanfang. Durch die Verknüpfung von persönlichen Schicksalen und gesellschaftlichen Umbrüchen gelingt es der Autorin, eine packende und tiefgründige Geschichte zu erzählen, die noch lange nachhallt.

Auch die Figuren in diesem Buch sind einfach fantastisch. Ihre Entwicklung im Laufe der Handlung ist mitreißend und einfühlsam geschildert. Man fiebert und leidet mit ihnen mit und kann sich voll und ganz in ihre Gedanken und Gefühle hineinversetzen.

Insgesamt hat mich "Das verborgene Leben der Farben" tief berührt und nachdenklich gestimmt. Es ist ein Buch, das mich noch lange begleiten wird und das ich jedem, der sich für emotionale und tiefgründige Geschichten interessiert, wärmstens ans Herz legen möchte. Ein wahres Meisterwerk, das man gelesen haben muss!


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Thomas Olde Heuvelt- November

  

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18 €
640 Seiten
ISBN 3453321448
Reziexemplar
Worum geht's? 

In Lock Haven, einer beschaulichen kleinen Stadt in Washington State, gibt es eine ganz besondere Straße. Die Bird Street. Wer in der Bird Street wohnt, ist erfolgreich, wohlhabend, gesund und glücklich. Die Kinder allesamt ausgeglichen, wohlerzogen und klug. Zumindest für elf Monate im Jahr. Im November jedoch brechen die dunklen Tage an. Pech, Misserfolg und Krankheit halten Einzug. Im November kommt der Fremde in die Bird Street, um bei den Bewohnern die Schulden einzutreiben. Im November ist die Zeit gekommen, den Preis für all das Glück zu zahlen. Denn es kehrt erst zurück, wenn ein Menschenleben geopfert wird ... (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

'November' ist nicht das erste Buch des Romanautoren Thomas Olde Heuvelt. 'Hex' war seinerzeit das Erste, und es konnte mich, trotz einiger Schwächen, doch ziemlich begeistern. Der Eindruck war auf jeden Fall nachhaltig gut genug, um auf den neuen Roman des niederländischen Autors zu warten und ihm sogleich eine Chance zu geben. 
Fangen wir mit dem Groben an. Wieder nimmt sich Heuvelt eine begrenzte Gemeinschaft von Menschen vor- war es in 'Hex' noch eine Kleinstadt, beschränkt er sich hier auf eine einzige Straße. Eine Straße voller Nachbarn, aber mit übersichtlicher Personenzahl. Die ersten Seiten hindurch hatte ich tatsächlich Angst, dass es durch die (so dachte ich) vielen Erzählperspektiven zu verschlungen und verwirrend werden könnte. Zu meiner Erleichterung stellte ich aber fest, dass er sich doch auf eine Familie beschränkt und das Geschehen nur aus ihrer Sichtweise heraus erzählt. Somit waren meine ersten Befürchtungen schon einmal zerstreut. 
In der Bird Street leben ausschließlich Menschen, von denen man sagen könnte, sie haben es geschafft. Sie sind erfolgreich, sie haben Geld, sie leben ihre Träume. Alles Friede Freude Eierkuchen. Aber dann, jedes Jahr im November, kippt das Ganze. Kinder werden aggressiv und stürzen in psychiatrische Episoden, Erwachsene werden krank und streiten, alles scheint den Bach herunter zu gehen- ausser, es wird ein Menschenleben geopfert. 
Nun gut. Die Bewohner der Bird Street finden viele Jahrzehnte, das sei ein angemessener Preis. Bis im Jahr des Romans etwas furchtbares geschieht- und damit alles von der Klippe zu stürzen droht. 
Generell würde ich schon sagen, es gibt durchaus Horrorelemente in dem Roman. Ich fand ein paar Elemente vom 'Friedhof der Kuscheltiere' sowie von 'Rosemarys Baby'. Es gelingt dem Autor schon, hier eine düstere, lauernde Atmosphäre aufzubauen. Es gab sogar einen Abend, an dem ich nicht einschlafen konnte und mich im Dunkeln fürchtete, weil ich das Buch noch so im Kopf hatte. Auch die Spannung nimmt mit den Seiten immer mehr zu, bis sie schließlich im Finale explodiert. Obgleich ist einiges von der Auflösung schon erahnte und mir manches zu offen bliebt, war es doch ein sehr gelungenes Leseerlebnis, das ich weiterempfehlen würde. Negativ fielen mir durchaus ein paar Längen auf, 50-100 Seiten weniger hätten dem Buch nicht geschadet. Es war nun aber auch nicht so schlimm, dass ich es entnervt hätte weglegen wollen. Wie auch schon in 'Hex' gelingt es Heuvelt hier erneut sehr gut, menschliche Abgründe der 'Menschen von Nebenan' darzustellen. Dieses Buch hinterlässt die Frage: Wie gut kennen wir unsere Nachbarn eigentlich wirklich? Und was wären sie bereit, für ihr eigenes Glück zu tun? 

Meine Bewertung: 

💙💙💙💙🤍

[Rezension] Nina Blazon- Ich träumte von einer Bestie


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22€
448 Seiten
ISBN 3365003002
Reziexemplar
Worum geht's? 


Fleurs Leben ist das Internet. Dieser Ort bietet der Datenforensikerin im Gegensatz zur realen Welt Geborgenheit. Als Fleur die Wohnung ihrer verhassten französischen Großmutter erbt, wird sie mit ihrer ungeklärten Familiengeschichte konfrontiert. Auf den Spuren ihrer Ahnen reist Fleur nach Frankreich in die Auvergne. Dort stößt sie auf ein dunkles Geheimnis, das bis in die Zeit der Aufklärung zurückreicht. Dabei blickt sie auch einer Bestie ins Gesicht, die das Schicksal ihrer Familie seit Generationen überschattet. Nach dieser Begegnung wird Fleur für immer eine andere sein.

Nina Blazon führt uns nach Frankreich und hin zu einer bekannten Legende: die Bestie des Gévaudan. (Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Wenn es eines im literarischen Sektor gibt dem ich nicht widerstehen kann, dann sind es Adaptionen von Märchen und Legenden. Für Erwachsene, möchte ich betonen, also auch gerne düster und tiefgehend. In der Vergangenheit habe ich bereits einige sehr gute Beispiele davon kennen gelernt, wie beispielsweise die Bücher von Daniela Winterfeld, Christina Henry oder Madeline Miller. Ich liebe es mich so richtig in diese Geschichten fallen zu lassen, mich hinwegzuträumen. Meistens haben sie mystische Anklänge oder gehen in den Bereich der Fantasy, einfach der Tatsache geschuldet dass auch Märchen und Legenden meistens einen nicht zu vernachlässigenden übersinnlichen Einschlag haben. 
Das war es also, womit ich auch bei diesem Roman zuerst gerechnet hatte. Dies kann ich auf jeden Fall schon einmal entkräften: Der Roman gehört für mich keinesfalls in das Genre der Fantasy. Obgleich die Autorin sich einige Dinge ausgedacht hat die so nicht existieren, wie sie im Nachwort erklärt, bleiben diese fiktionalen Fakten doch immer ausgerichtet an real existierenden Gegebenheiten. Ich muss zugeben, ganz zu Anfang mochte ich die Protagonistin Fleur nicht leiden. Sie war spröde, bärbeißig und verschlossen und ich bekam keinen rechten Zugang zu ihr. Überhaupt waren die ersten Seiten des Romans für mich eher holprig, wirkten typisch betulich deutsch, wenn auch sprachlich von Beginn an sehr schön zu lesen. 
Aber dann, so nach 50 Seiten, packte es mich. Als im Laufe des Romans auch immer mehr von Fleurs Hintergrund offenbar wurde, machte ich meinen Frieden mit ihrer Art, die im Nachhinein für mich nachvollziehbar wurde und ziemlich gut dazu passte. Ebenso die Art ihrer Familie, bei denen mir zu Anfang nur Bruder und Stiefvater sympathisch waren. Was die äußere Form angeht, so hatte ich einen Roman erwartet wie ich ihn bei solchen Themen kenne: Auf zwei Zeitebenen erzählt. Unter uns, das empfinde ich langsam als wirklich zu Tode geritten, es entlockt mir nur noch ein Schnarchen. Ich hüpfte innerlich vor Freude als ich erkannte, dass die Autorin hier komplett darauf verzichtet- obgleich wir uns natürlich mit der Vergangenheit beschäftigen, uns der Legende von Gévaudan immer weiter annähern, ist die Handlung doch die ganze Zeit in der Gegenwart angesiedelt, was mir SEHR gut gefiel. Und überraschenderweise gelingt es Nina Blazon trotzdem, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. 
Wer wirklich mal ein bißchen Frankreich fühlen will, ist hier gut aufgehoben. Immer wieder werden französische Ortschaften beschrieben, Charaktere erschlossen und die französische Sprache eingestreut. Aber immer wirkte es organisch, nie bemüht oder überhöht, und: Es liest sich, als würde die Autorin die Landschaft des Gévaudan genau kennen. Ich weiß nicht, ob sie dorthin gereist ist, aber ich könnte es mir gut vorstellen, so plastisch ist die Beschreibung, und, wichtig für mich: Der Flair. In dieser Hinsicht war der Roman wie ein Kurzurlaub für mich. Die Handlung selbst entfaltet sich wie eine hübsche Blume, wie es auch Fleur tut, die im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst herausfindet und ihre eigentlichen Wurzeln erkennt. 
Wenn ich herausstellen müsste was mir in einem Roman am allerwichtigsten ist, so wäre das die Charakterentwicklung. Nichts fesselt mich so sehr wie Charaktere die einen Weg gehen und dabei glaubhaft begleitet werden. Das war es, was ich hier fand: Glaubhafte Charaktere, nachvollziehbare Motive, Entwicklung. 
Für mich war dieser Roman ein absolutes Highlight, ja, das muss ich wirklich sagen. Nachdem ich die ersten paar Seiten hinter mir hatte ließ er mich nicht mehr los, bis ich ihn zuschlug. Ich könnte mir sogar vorstellen ihn nochmal zu lesen, was ich sonst nie tue. Ich spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus und vergebe die Maximalpunktzahl. Und natürlich werde ich die Autorin weiter im Auge behalten und hoffe innigst, dass es bald wieder etwas von ihr zu lesen geben wird, das so ein Feuerwerk in meinem Kopf entfacht. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙

[Rezension] Stephen King- Holly

 

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28€
640 Seiten
ISBN 3453274334
Reziexemplar
Worum geht's? 

Privatermittlerin Holly Gibney steckt in einer Lebenskrise, da erhält sie einen Anruf: »Meine Tochter Bonnie ist vor drei Wochen verschwunden, und die Polizei unternimmt nichts.« Ihre Nachforschungen führen Holly zu einer weit zurückreichenden Liste ungelöster Vermisstenfälle. Alle spielen im Umfeld eines inzwischen emeritierten Ernährungswissenschaftlers mit dem Spitznamen »Mr. Meat«. Holly hat schon gegen grausame Gegner bestanden, aber hier begegnet sie dem schlimmsten aller Ungeheuer: dem Menschen in seinem Wahn.

Meine Meinung: 

Ich kriege gleich sicher Haue- aber ich habe nicht alle King Romane gelesen. Ganz besonders von den alten Machwerken kenne ich kaum welche. Was ich sagen kann ist, dass ich vom Autor lieber die psychologischen als die übersinnlichen Romane lese. Ich bin aber auch niemand der ein Werk neben andere Werke des Autors stellt und die Beurteilung auf dieser Basis trifft. Nein, ich beurteile einen Roman stets als Einzelwerk (Reihen ausgenommen). Schon als ich den Klappentext las, hatte ich eine Vermutung wo es hingehen würde, und dies bestätigte sich. Die Protagonistin, Holly, gefiel mir. Sie war ein bißchen hypochondrisch veranlagt, etwas übervorsichtig, etwas neurotisch... aber sie blieb sympathisch. Und auf der anderen Seite haben wir ein Täterehepaar, das gleich mehrere Tabus bricht. Mal ehrlich, wir neigen dazu bestimmten Personengruppen keine Schlechtigkeiten oder gar Grausamkeiten zuzutrauen. Dazu zählen Alte und Kinder. King spielt hier bewusst mit diesem Grauen, mit unseren Vorurteilen. Ein solcher Bruch schockiert natürlich noch viel mehr, als wenn wir mit Tätergruppen konfrontiert werden mit denen wir rechnen. Das gefiel mir sehr gut, und besonders mochte ich dass sich hier solche Mühe gegeben wurde, alle Personen mit Motiven und glaubhaften Charaktereigenschaften auszustatten. Dabei lässt sich der Roman Zeit und spielt beständig subtil mit der Furcht und der Ungewissheit. Ein paar nette Horrorelemente sind auch dabei, die mich schlucken ließen. Interessant fand ich die teilweise ironische Art der Darstellung des Horrors, was sehr gut zu den Tätern passte. 
Und, gibt es auch Schwächen? Ja, doch. Mit sind zwei Dinge aufgefallen, die ich verbesserungswürdig fand. Zum Einen war mir das Ende ein wenig zu hopplahopp... es passte nicht zu der eher ruhigen Erzählart des restlichen Buches und geriet ein wenig unrund. Da hätte ich mir eine Lösung gewünscht die der detailverliebten Erzählart besser zu Gesicht gestanden hätte. Und zum Zweiten hatte Corona einen ziemlich prominenten Auftritt in diesem Roman. Impfstatus sämtlicher Personen, auf jeder Seite erwähnte Masken... mir war's zuviel. Eigentlich lese ich Belletristik, um mal eine Verschaufpause vom Weltgeschehen zu bekommen. In dieser Penetranz fand ich die Thematik doch am Ziel vorbei, ebenso wie die immer wieder eingestreuten politischen Statements (Anti- Trump, ja, ich hab's kapiert...). 
Letzten Endes habe ich mich aber trotzdem gut unterhalten gefühlt. Ich wurde von der Handlung wirklich bei der Stange gehalten und die Spannung sorgte dafür, dass ich nur so durch die Seiten flog. Ein paar kleine Schwächen, durchaus... aber nichts, was jetzt ernsthaft mein Lesevergnügen geschmälert hätte. 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍


[Rezension] Gianna Molinari- Hinter der Hecke die Welt

 

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24€
208 Seiten
ISBN 335104173X
Reziexemplar
Worum geht's? 

Ein Dorf hat Angst vor dem Verschwinden. Deshalb trifft es Maßnahmen: Die bei den Touristinnen und Touristen beliebte Hecke wird gehegt und gepflegt, der Stand der Dorfkasse wird regelmäßig überprüft. Vor allem aber kümmert man sich um Pina und Lobo, denn die Kinder sind die Zukunft des Dorfes. Doch Pina und Lobo wachsen schon lange nicht mehr. Während das Dorf auf die Wachstumsschübe der Kinder wartet, beobachtet Pinas Mutter in der Arktis, wie das Eis schmilzt und Grenzen sich verschieben.
Nach ihrem gefeierten Debüt legt Gianna Molinari erneut ein eindrucksvolles Porträt über die wechselseitige Durchdringung von Natur und Kultur vor, einen Roman, der unsere Vorstellungen von Wachstum und Stillstand hinterfragt und dabei ebenso viel poetische wie politische Kraft entfaltet. 

Meine Meinung:

Seit Dörte Hansens 'Mittagsstunde' bin ich bekennender Dorfgeschichten- Fan. Der Mikrokosmos Dorf stellt für mich eine reizvolle Quelle faszinierender Geschichten dar. 
Das Dorf, in dem Pina und Lobo, die einzigen Kinder, leben, bildet den einen Erzählstrang. Der andere spielt in der Arktis, wo Pinas Mutter auf einer Expeditionsreise unterwegs ist. Im Grunde dreht sich das Buch auf zwei unterschiedlichen Ebenen um das Verschwinden- beleuchtet aus verschiedenen Perspektiven. Dora, Pinas Mutter, sieht in der Arktis die Auswirkungen des Klimawandels, die den meisten Menschen (noch) verborgen bleiben. Ein fragiles Ökosystem, in dem die Einmischung des Menschen stets ein Balanceakt bleibt. Wie hier mithilfe kleiner Anekdoten auf Missstände hingewiesen wurde, gefiel mir gut. Zwischendurch gibt es kleine eindrucksvolle Zeichnungen und Bilder, die diese verdeutlichen. Pina, mit ihrem Vater im Dorf verbleibend, sieht das Verschwinden der Dorfwelt. Keine weiteren Kinder oder Erben mehr, die über alles geliebte Hecke des Dorfes fällt einem Verbrechen anheim, Touristen werden sparsamer und bleiben schließlich ganz aus, Menschen gehen weg. 

Generell, so finde ich, ein spannender Roman, der gekonnt die beiden Ebenen miteinander verflechtet und im Kleinen wie im Großen zeigt, wohin wir steuern. Das Dorf als Parabel für menschliche Gesellschaften, das große Verschwinden der Dorfkultur und von Lebenswelten. Also, soweit eigentlich etwas, das mir gefiel. 

Was mir aber wirklich sauer aufstieß, ist der Preis des Buches. Für 208 Seiten, die so bedruckt sind dass oft nur einseitig Text ist und so einige Seiten aufgrund kleiner Zeichnungen halbleer, finde ich 24€ schon sehr knackig. Hätte ich das Buch nicht als Rezensionsexemplar bekommen, ich hätte es mir nicht gekauft. Hier empfehle ich dringend, auf die Taschenbuchausgabe zu warten. Die ist es dann aber auch wert. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍



[Rezension] Octavia E. Butler- Die Parabel vom Sämann

 

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15€
448 Seiten
ISBN 3453534921
Rezensionsexemplar
Worum geht's? 

Wir schreiben das Jahr 2024. Klimawandel, Wirtschaftskrisen und ein politischer Rechtsruck haben das Leben in den USA von Grund auf verändert. Lauren Olamina lebt mit ihrer Familie in Kalifornien, relativ sicher vor Plünderern hinter hohen Mauern. Wer überleben will, muss Stärke zeigen, deswegen hütet Lauren ihr Geheimnis sorgfältig: Sie leidet an Hyperempathie – sie empfindet die Emotionen eines anderen Menschen so tief, als wären es ihre eigenen. Doch wenn sie will, dass ihre Stimme gehört wird, darf sie sich nicht länger hinter den Mauern verstecken. Also macht sich Lauren auf die Reise nach Norden, wo es noch Sicherheit und Jobs gibt. Was als Kampf ums Überleben beginnt, wird schnell zu sehr viel mehr: Der Geburt einer neuen Religion – und einer atemberaubenden Vision für die Zukunft der Menschheit.

Meine Meinung: 


Dies war mein erster Roman von Octavia E. Butler- der Name war mir bisher komplett unbekannt, vielleicht auch, weil ich nicht die typische Sciene-Fiction Leserin bin. Ich stelle mir unter Science Fiction immer die typische Story in Weltraumstädten und fremden Planeten vor- wurde mit diesem Roman aber daran erinnert, dass dieses Bild nicht immer stimmt- auch Utopien oder (in diesem Fall) Dystopien können zu diesem Genre gehören. 
Ja, wir sehen hier eine recht düstere Dystopie. Und es ist, wie ich finde, ziemlich beeindruckend, welche Sicht auf die Zukunft eine Autorin hatte, die bereits 2006 verstarb. Das Bild, das sie zeichnet, ist heute gar nicht mehr zu unwahrscheinlich. Eine Welt, viel zu warm und trocken, in der die Menschen auf der Suche nach Arbeit und Wasser gen Norden ziehen, da der Süden zunehmend unbewohnbar wird. Generell kein schönes Szenario, niemand vertraut anderen, es gilt das Recht des Stärkeren und Mitgefühl und Freude ist nur noch selten zu finden. In dieser Welt lebt nun Lauren, die die Gefühle anderer Menschen spürt als wären es ihre eigenen. In einer Welt voller Hass und Not eine zweifelhafte Ehre. Eines Tages ist sie gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen- und nutzt dies als Start in ein neues Leben. Auf ihrer Wanderschaft begleitete ich sie auf jedem Schritt, teilte ihre Gedanken und lernte mit ihr Menschen kennen, die sich ihr anschlossen. Lauren ist eine unglaublich gut ausgestaltete Heldin, die sich (wohl aufgrund ihrer Gabe) eine gewisse Ethik und ein gutes Herz bewahrt hat. Der Roman hat mich emotional auf ganz vielen verschiedenen Ebenen erreicht, ich durchlebte das gesamte Gefühlsspektrum beim Lesen. Eine starke, weibliche Heldin, die aber nicht übertrieben wirkt sondern ein Mensch mit realistischen Träumen, Motiven und auch Schwächen ist. Die Gruppe von Menschen um sie herum, die sich durch sehr unterschiedliche Individuen auszeichnet, die alle ihre Eigenheiten mitbringen und meisterhaft gestaltet sind. Ich hatte zum Schluss das Gefühl, diese Menschen wirklich zu kennen. Lauren trägt in dieser düsteren Umgebung ein Licht vor sich her und reißt die Menschen mit. 
Wer Gewaltschilderungen nicht lesen kann oder Beschreibungen von Elend, wird mit diesem Roman nicht glücklich werden, denn die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Mord an Kindern kommt genauso vor wie Kannibalismus. Wer dies aber in die Geschichte eingebettet in Ordnung findet, der findet hier ein echtes Meisterwerk. Ich habe lange nicht mehr etwas zu packendes gelesen und werde mir in jedem Fall die Fortsetzung ebenfalls vornehmen, wenn sie nächstes Jahr herauskommt. Volle Punktzahl. 

Meine Bewertung:  💙💙💙💙💙





[Rezension] Ursula Poznanski- Oracle


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22€
432 Seiten
ISBN 3743216582
Reziexemplar
 Worum geht's? 


Ich sehe was, was du nicht siehst, und das wird wahr
Als Kind hat Julian merkwürdige Visionen. Das sind nur Fehlschaltungen im Hirn, sagt seine Therapeutin, bedeutungslose Trugbilder. Und mit den richtigen Medikamenten sind die auch verschwunden. Jahre später wird Julian mit einer schockierenden Erkenntnis konfrontiert. Einige seiner Visionen scheinen wahr geworden zu sein. Sieht er Schatten, die die Zukunft vorauswirft? Könnte er also schlimme Ereignisse verhindern? Oder tritt er damit noch größere Katastrophen los?

Meine Meinung: 

Ich bin ja ein Poznanski Fan der ersten Stunde, kenne alle ihre Jugendromane und habe jeden einzelnen davon geliebt (die Einen noch ein wenig mehr als die Anderen...). Was ich generell an ihren (Jugend-) Romanen mag ist ihre frische, spannende Art zu Schreiben und aktuelle und stets interessante Themen aufzugreifen. In ihrem neuesten Werk geht es den psychischen Erkrankungen an den Kragen. Der Protagonist, Julian, sieht sogenannte Marker an Menschen. Seine Umwelt vermittelt ihm, dass es sich dabei um eine psychische Störung handelt, während sich die Hinweise verdichten, dass es dies nicht ist, sondern Julian tatsächlich einem Orakel gleich in die Zukunft schauen kann. 
An sich also eine spannende Plotidee, die durchaus etwas für sich hat. Der Schreibstil ist absolut flüssig und angenehm wie wir es kennen, hier habe ich nichts zu meckern. 
Im Großen und Ganzen ist die Handlung vorhersehbar, und das ist auch völlig in Ordnung. Langsamer Aufbau der sich auf einen Showdown zubewegt, der schließlich alles auflöst. Soweit so gut. Was mich bei diesem Roman leider störte, war die Ausgestaltung der Charaktere. Wir reden hier von Studierenden, das heißt volljährigen Menschen die allein leben. Julian erschien mir doch sehr unreif und impulsiv, und besonders im Mittelteil musste ich mehrfach ins Buch beißen weil ich mir dachte: So benimmt sich doch keiner. Lichtblicke waren in jedem Fall Julians schillernder bester Freund Robin (ein Beweis dafür, wie organisch man queere Personen in Romanen einfügen kann) und der Love Interest Pia sowie ihr Hund Kinski. Wohingegen ich Charaktere wie Lars, den Antagonisten, absolut überzeichnet fand. Und der Konflikt zu ihm wird auch nicht aufgelöst am Ende des Buches. Ebenso waren für mich die Therapeutin Sonja und ihr Mann Armin in keinster Weise überzeugend, letzterer wirkte wie ein Teufel ex machina, der aus dem Hut gezaubert wurde aber später keine Rolle mehr spielte. Sonja selbst empfand ich als unglaubwürdig und oberlehrerhaft. Nochmal: Julian ist 18. Mir war hier ein bißchen zu sehr dominanter Zeigefinger zwischen den Seiten, die anderen Romane der Autorin habe ich nicht so wertend in Erinnerung. Unterm Strich war es für mich trotzdem ein spannendes Leseerlebnis, wenn auch nicht Poznanskis bestes Werk. Die deutlichen Schwächen in der Charakterkonstruktion haben mich durchaus gestört, es bleibt für mich daher ein schöner flüssiger Schmöker für einen verregneten Nachmittag. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Kate Kowalski- Die geflohene Geschichte

 

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15€
416 Seiten
ISBN 3453322169
Rezensionsexemplar

Worum geht's? 

Worte haben Macht, das weiß jeder in der Schriftstellerstadt Kapitolo. Denn aus Worten werden Figuren und Figuren werden lebendig. Deshalb muss jeder, der des Schreibens mächtig ist, seine Fingerabdrücke und eine Speichelprobe abgeben – sollte eine Figur aus ihrer Geschichte entkommen, können die Behörden so den Schöpfer der Figur identifizieren, der diese dann in die Geschichte zurückschreiben muss. Die leidenschaftliche Fantasy-Autorin Kate hatte bisher noch nie Probleme mit ihren Figuren. Umso erstaunter ist sie, als sie eines Nachts von der Polizei aus dem Bett geklingelt wird: Eine ihrer Figuren soll einen Mord begangen haben. Für Kate beginnt ein Abenteuer, in dem sie nicht nur ihre Figur finden und ihren guten Ruf retten muss, sondern auch einem Geheimnis aus der Vergangenheit auf die Spur kommt ... (Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Eine Welt, in der Romanfiguren lebendig werden können- gleichzeitig der größte Wunsch wie auch die größte Angst eines jeden Bücherwurms. Hier hat Kate Kowalski eine solche Stadt geschaffen- Kapitolo, die Stadt der Bücher. Es kann hier jederzeit passieren dass Figuren in die reale Welt übertreten, wie der große weiße Wal, der die Protagonistin am Tag ihres Eintreffens in einer Straße erwartet. Ehrlich, da bekommt man als Leserin erstmal Herzflattern- wer hat sich nicht schon einmal gewünscht, seine Lieblingsfiguren wirklich einmal kennen lernen zu können? 
Leider sind die meisten Figuren in Kapitolo nicht einfach nur da- sie begehen Verbrechen. Manche nur kleine, nicht relevante Vergehen. Andere Schlimmeres. Zu diesem Zweck gibt es ein eigenes Justizsystem in dieser Stadt, das sowohl von Figuren begangene Verbrechen wie auch Verbrechen an Figuren untersuchen und ahnden soll. Vor diesem System leben die Autoren in Angst und Schrecken, denn sie werden gleichfalls für die Taten ihrer Figuren haftbar gemacht. Und dies trifft auch unsere Protagonistin. Eine ihrer Figuren wurde an einem Tatort nachgewiesen- es bleibt die Frage: Ist die Figur auch für den Mord dort verantwortlich? Es beginnt ein Abenteuer der besonderen Art. 
Also, zunächst muss ich sagen: Die Idee dieses Fantasy-Krimi- Mischromans war wirklich meins. Zündete bei mir sofort, ich habe mir seit 'Tintenherz' seinerzeit gewünscht, es könnten literarische Figuren in die Realität kommen. Allerdings räumt die Autorin hier mit den romantischen Vorstellungen diesbezüglich auf, denn in der Welt von Kapitolo ist das absolut unerwünscht und ist überhaupt gar nicht positiv konnotiert. Im Gegenteil, es findet sogar eine ziemliche Hexenjagd statt. 
Eine weitere Sache die mir sehr positiv auffiel ist, dass die Autorin sich selbst als Protagonistin eingebaut hat (Bild im Bild im Bild im Bild...). Sehr originell, auch in Vorwort und Danksagung fällt sie nicht aus der Rolle, und sogar bei der Autorenbeschreibung bei Verlag und Co. wird sie als jemand beschrieben, der in Kapitolo wohnt. Sowas mag ich, hier wurde eine Geschichte stringend zu Ende geführt. Also wirklich, ginge es nur um die Idee dieses Romanes, würde er die volle Punktzahl erhalten. Leider gab es in der Umsetzung für mich einige Mängel- besonders bei der Gestaltung der Dialoge und Charaktere. Die Dialoge waren für mich sehr hölzern und bemüht konstruiert, kein Mensch redet so. Es wirkte nicht organisch, wie die einzelnen Protagonisten miteinander sprechen. Die Protagonisten empfand ich als zweite Schwäche- sie waren mir doch ein wenig zu leer und oberflächlich. Zwar wurde mustergültig jede mit ein paar besonderen Kennzeichen versehen, aber für mich fühlten sie sich dennoch seelenlos an. Ein paar Längen oben drauf taten ein Übriges. Mit einer Bewertung tue ich mich schwer- aufgrund der guten Idee gebe ich aber doch 4/5 Herzchen. Über weitere Geschichten in der Zukunft spielend in Kapitolo würde ich mich freuen. Vielleicht diesmal noch ein wenig stärker fokussiert auf die Entwicklung der Charaktere und Dialoge. 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Michel Bergmann- Mameleben: oder das gestohlene Glück

 

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25€
256 Seiten
ISBN 3257072252
Rezensionsexemplar
Worum geht's? 

Großartig und nervtötend, liebevoll und erdrückend, aufopfernd, aber auch übergriffig – Michel Bergmann liebt seine Mutter Charlotte und hält sie manchmal nicht aus. Er erzählt in diesem Buch, in dem er nichts und niemanden schont, die Geschichte dieser eigenwilligen, starken Frau: ihre Vertreibung aus Deutschland, der Verlust fast der gesamten Familie, das Glück, ihren künftigen Ehemann wiederzufinden, und dennoch ein Schicksal, bei dem sie allzu oft ganz auf sich allein gestellt ist. (Quelle: Verlag)

Meine Meinung:

Bücher, die von der echten Lebensgeschichte eines Menschen handeln beurteile ich stets anders, als Fiktion. Sicher kann ich über den Schreibstil urteilen, über die Erzählweise- aber ich kann nicht die Erlebnisse des dargestellten Menschen bewerten. Gleichfalls finde ich es schwierig am Ende zu sagen 'es hätte mir Spaß gemacht' das Buch zu lesen oder 'es sei eine Quälerei gewesen'. 
Aber hier muss ich wirklich sagen, gleich nach den ersten Zeilen war ich sofort 'drin'. Die Geschichte von Michel und seiner Mutter Charlotte, genannt Lotte, war ungemein fesselnd. Wir lernen zunächst Lotte als alte Frau kennen, unbequem, wunderlich und manchmal nervtötend für ihren Sohn (und für die Lesenden...). Es scheint so als könne er ihr nichts rechtmachen, sie nicht glücklich sehen und nie ihren Erwartungen entsprechen. 

Im Laufe der Geschichte lernen wir dann etwas über Charlottes Leben, das ihr wirklich nichts geschenkt hat, oder, wenn wir mal so deutlich sein wollen, ihr ständig in den Hintern getreten hat. Es beginnt schon damit, dass sie ihr Abitur nicht machen kann, da die Nazis an die Macht kommen und der Jüdin die Schule verbieten. Somit zerschlägt sich Lottes Wunsch, Kinderärztin zu werden für immer. Hier beginnt es, hier beginnen die Gründe, die Lotte letzten Endes zu einer solchen Frau werden lassen. Ihr ganzes Leben lang muss diese Frau über mannshohe Felsen klettern (wörtlich und im übertragenen Sinne) die ihr in den Weg geworfen werden, gefühlt hat sie niemals eine Atempause. So wird ihr Verhalten, ihre Art, immer greifbarer und verständlicher, bis ich am Schluss tatsächlich schlucken musste. 
Dieses Buch hat mich nachhaltig beeindruckt- wie die meisten anderen habe und hatte auch ich Differenzen mit meiner Mutter. Und doch denkt man als Kind nur selten darüber nach was die Mutter eigentlich zu diesem Menschen hat werden lassen. Die Vergangenheit einer Mutter liegt für ihre Kinder meist im Dunkel und wird manchmal nie entdeckt. Wie gut kennen wir unsere Eltern eigentlich als Menschen? 
Ergreifend, emotional und letzten Endes reflektiert und liebevoll betrachtet der Autor hier seine tote Mutter, die ich irgendwann wirklich besser verstand. Von mir eine unbedingte Leseempfehlung! 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙


[Rezension] Esther Schüttpelz- Ohne mich

 

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22€
208 Seiten
ISBN  3257072333
Rezensionsexemplar

 Worum geht's? 

Sie ist Mitte zwanzig, gerade fertig mit dem Studium und genauso frisch verheiratet wie getrennt. Was tun, nachdem eine erste große Liebe krachend gescheitert ist? Die Erzählerin von Esther Schüttpelz’ Roman sucht. Nach dem Grund für die Trennung. Nach einem Plan für die Zukunft. Nach Freundschaft und nach Nähe und Rausch und Vergessen. Scharfzüngig, verletzlich und komisch erzählt sie von einem Jahr des Danach und Dazwischen, von der Sehnsucht nach Verbundenheit in einer distanzierten Welt. (Quelle: Amazon)

Meine Meinung:

Für dieses Buch eine Rezension zu verfassen, da tue ich mich wirklich schwer. Dick ist es nicht, gerade etwas über 200 Seiten. Es ist ein Debüt, da bin ich normalerweise recht gnädig. 
Es geht also um eine junge Frau, die sich gerade von ihrem Ehemann getrennt hat und nun auf der Suche ist. Schon der Schreibstil fiel mir sofort negativ auf. Er ist absolut schmuck- und emotionslos, kalt und nüchtern. Die Sätze waren entweder kurz und knapp, oder ellenlang und leierartig, wo wirklich unterwegs ein paar Kommata zwischen gehört hätten. Dieser Schreibstil war leider ein Faktor, der den Roman extrem distanziert wirken ließ, auch die Protagonistin bleibt dadurch eine Unbekannte, die auf mich ebenfalls unglaublich kühl und abgeklärt wirkte. Es sollten wohl auch die üblichen Emotionen nach einer Trennung übermittelt werden, aber ich kam während des gesamten Buches keinen einzigen Schritt näher an die Frau heran. War für mich absolut austauschbar. Ich kenne sie jetzt, nach der letzten Seite, kein Stück besser als zu Anfang. Als Leserin, die auf Charaktere enormen Wert legt erwischte mich das leider auf dem komplett falschen Fuß. Ich fühlte mich richtiggehend von dem Buch alleine gelassen. Zudem war mir die andauernde (jede Seite beinahe) Erwähnung von Drogen, Saufen, Rauchen einfach zu viel. Als sei ich in die 80er gefallen oder die Autorin hätte einen Vertrag mit der Tabakindustrie. Störte mich sehr, weil es einfach zu dominant war. Die Suche, die im Klappentext erwähnt ist, konnte ich leider nicht finden. 
Für mich ein hedonistisches Portrait einer Feiergesellschaft ohne Substanz. Leider konnte mich das Buch überhaupt gar nicht abholen oder in irgendeiner Form begeistern. Schade. Ich stimme dem Titel des Romans also zu: Ohne mich!


Meine Bewertung: 💙🤍🤍🤍🤍



[Rezension] Ellen Sandberg- Das Unrecht

 

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22€
416 Seiten
ISBN 3328602542
Reziexemplar
Worum geht's? 

Jedes Jahr, wenn der Herbst naht, wird Annett von einer inneren Unruhe erfasst. Dann macht sich die Narbe an ihrem Arm bemerkbar, dann werden die Erinnerungen an den Sommer 1988 und an die Clique von damals wach. Fünf Freunde, die sich blind vertrauten, bis einer von ihnen zum Verräter wurde.
Jetzt, Jahrzehnte später, begreift Annett, dass sie ihren inneren Frieden erst finden wird, wenn sie sich der Vergangenheit stellt. Kurz entschlossen fährt sie nach Wismar. Zurück an die Ostsee, in ihre alte Heimat. Doch je mehr sie dort über die Ereignisse jenes Sommers herausfindet, umso deutlicher wird: Sie hätte die Vergangenheit besser ruhen lassen, denn der Verrat von damals reißt ihr Leben erneut in einen Abgrund …

Ein großer Spannungsroman über eine ungesühnte Schuld und die Schatten der Vergangenheit, die eine Familie nach Jahrzehnten einholen. (Quelle: Amazon)



Meine Meinung: 


Ich habe bisher tatsächlich alle Romane von Ellen Sandberg gelesen- eine Autorin, die sich gerne mit Schuld und Vergeltung, mit Traumata und Familiengeschichten befasst. Und die eine absolute Schwäche für das Erzählen auf zwei Zeitebenen hat. Da könnte man jetzt sagen, immer gleiche Form und neu aufgerollt. Ja, neu erfinden tut die Autorin das Rad nicht- andersherum wissen Leser und Leserinnen aber immer, was sie bekommen. Und das ist einen spannenden Roman mit Verrat und Liebe, Freundschaft und doppeltem Boden, an dessen Ende die Fäden zusammen geführt werden und meist einen 'Aha'- Moment hervorrufen. 

Bei diesem Roman also begeben wir uns in die DDR des Jahres 1988 sowie in die Jetztzeit. Da ahnt der/die beflissene Leser:in schon, worauf es hinausläuft. Kein DDR Roman ohne die Stasi, das Stasigefängnis und Verrat. Ich lebe heute auf dem Grund und Boden der ehemaligen DDR und habe in meinem Umfeld mehrheitlich Menschen, die Zeitzeugen sind. Und: Das, was die Autorin hier erzählt, entsprach der Realität. Jeder Nachbar konnte ein Verräter sein, manchmal wurden sogar Eheleute wechselseitig auf ihren jeweiligen Partner angesetzt. Sie lebten dann dreißig Jahre zusammen und wussten nicht, dass sie ebenfalls bespitzelt wurden. Diese Zeitebene fand ich daher durchaus sehr gelungen, wenn auch die detaillierten Beschreibungen schmerzhaft waren. 

In der Jetztzeit stieß ich mich sehr an der Beziehung/Ehe der Hauptprotagonistin (Manipulation, nicht gleichberechtigte Partnerschaft, Besessenheit) und fand, dieses Thema bzw. die Dynamik hätte durchaus ein eigenes Buch verdient gehabt. So fand ich es zum Teil etwas viel oben drauf. 
Unterm Strich hat mir auch dieser Roman der Autorin wieder gefallen, ein großer Wurf ist er aber meiner Meinung nach nicht. Solide Unterhaltung für ein verregnetes Wochenende. 


Meine Bewertung: 💙💙💙🤍🤍

[Rezension] Juli Zeh und Simon Urban- Zwischen Welten


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24€
448 Seiten
ISBN 3630877419

 Worum geht's? 

Zwanzig Jahre sind vergangen: Als sich Stefan und Theresa zufällig in Hamburg über den Weg laufen, endet ihr erstes Wiedersehen in einem Desaster. Zu Studienzeiten waren sie wie eine Familie füreinander, heute sind kaum noch Gemeinsamkeiten übrig.
Stefan hat Karriere bei Deutschlands größter Wochenzeitung DER BOTE gemacht, Theresa den Bauernhof ihres Vaters in Brandenburg übernommen. Aus den unterschiedlichen Lebensentwürfen sind gegensätzliche Haltungen geworden. Stefan versucht bei seiner Zeitung, durch engagierte journalistische Projekte den Klimawandel zu bekämpfen. Theresa steht mit ihrem Bio-Milchhof vor Herausforderungen, die sie an den Rand ihrer Kraft bringen.
Die beiden beschließen, noch einmal von vorne anzufangen, sich per E-Mail und WhatsApp gegenseitig aus ihren Welten zu erzählen. Doch während sie einander näherkommen, geraten sie immer wieder in einen hitzigen Schlagabtausch um polarisierende Fragen wie Klimapolitik, Gendersprache und Rassismusvorwürfe. Ist heute wirklich jeder und jede gezwungen, eine Seite zu wählen? Oder gibt es noch Gemeinsamkeiten zwischen den Welten? Und können Freundschaft und Liebe die Kluft überbrücken?

Meine Meinung: 
Dieser Roman bringt schon einmal eine Besonderheit mit sich: Er besteht komplett aus Emails und Whats App Nachrichten zwischen den beiden Protagonisten. Dies bringt meist diverse potentielle Schwierigkeiten mit sich, das letzte Buch in dieser Erzählform das ich gelesen habe war damals 'Gut gegen Nordwind', das für mich einer der größten Flops meiner Lesegeschichte war. Dennoch war ich dem Rahmen gegenüber vorurteilsfrei, denn die Schwächen des genannten Romans waren andere. So ließ ich mich freudig darauf ein. Ich mag generell wenn Kapitel kurz und übersichtlich sind, so kann ich leichter wieder einsteigen und kurz unterbrechen (ich bin eine Abends im Bett- Leserin, und irgendwann fallen mir da die Augen zu). 
Schon auf den ersten Seiten merkte ich allerdings, dass zwischen diesem Buch der beiden Autoren Juli Zeh und Simon Urban und dem Roman von Daniel Glattauer Lichtjahre liegen und die beiden absolut null vergleichbar sind. Der Anspruch ist ein ganz anderer, alleine sprachlich ist 'Zwischen Welten' eine echte Wohltat. 
Mich würde natürlich interessieren ob die beiden Autor*innen sich die beiden Charaktere beim Schreiben auch so aufgeteilt haben- ob sie vielleicht tatsächlich während des Schreibprozesses einen jeweiligen Alter Ego angenommen haben und das Buch dann quasi diesen Austausch zusammenfasst? Nun, vielleicht werden wir das noch erfahren. Grundsätzlich geht es hier schon ganz schön zur Sache. Beide Hauptcharaktere- Theresa und Stefan- könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, was ihr Leben angeht. Sie führt einen Milchhof in der brandenburgischen Provinz, er gehört zur Kulturelite Hamburgs. Beide haben Probleme, die der jeweils Andere nicht nachvollziehen kann und kollidieren in ihren Ansichten massiv. Und da nehmen sie auch kein Blatt vor den Mund, vor allem Theresa findet wirklich deutliche Worte, die mich manchmal die Luft einziehen ließen. 
So. Mein erster Eindruck war erstmal sehr positiv. Im Laufe des Romans gibt es dann jedoch durchaus ein paar Längen und Redundanz, so wiederholen sich beispielsweise Theresas Vorwürfe, Stefan sei in seiner Blase gefangen, immer wieder. Nur: Das stimmt auch. Im Austausch wird immer wieder klar, dass Stefan in Wirklichkeit nur einen Meter weit sieht und seine eigenen Probleme und täglichen Anforderungen ganz anders (wichtiger) gewichtet als die existentiellen Probleme Theresas. Letzten Endes hat sie das Gefühl, nicht wirklich gehört und verstanden zu werden, was schließlich zur Eskalation führt. Ich empfand den Austausch der Beiden als sehr gutes Abbild zu den gesellschaftlichen Problemen, die hier auch kritisiert werden sollen. Theresa (als Sinnbild der Landwirt*innen) wird nicht wirklich gehört und ernst genommen, bis es eskaliert. Und dann verkehrt sich das Bild in der Öffentlichkeit ins Gegenteil. 
Mich hat der Roman sehr berührt. Als jemand, der sich zwischen beiden Positionen einordnet brachte mich dieser Schlagabtausch schon wirklich zum Nachdenken, und das Ende tat verflucht weh. 
Inzwischen habe ich auch ein paar Kritiken gelesen und kann nur mit dem Kopf schütteln. Genau das, was im Roman angeprangert wird, geschieht darin. Es wird sich über Formalia aufgeregt, anstatt zum Kern des Problems vorzudringen und die Krise wirklich wahr zu nehmen. Für mich persönlich: Ja, auch ich bemerkte Redundanz und die ein oder andere Länge. Aber das Gesamtwerk ist für mich trotzdem so rund und wichtig, dass ich hier die volle Punktzahl vergebe. Ein Roman, der einer systemrelevanten Minderheit eine Stimme verleiht die so laut schreit und doch nie gehört wird, ist wichtiger als perfekte Stilistik. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙



[Rezension] Zeyn Joukhadar- Die Karte der zerbrochenen Träume


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22€
448 Seiten
ISBN 3453271513
Reziexemplar

Worum geht's? 

Sommer 2011. Nour ist als Kind syrischer Einwanderer in New York geboren. Als ihr Vater stirbt, beschließt Nours Mutter, in ihre Heimat Syrien zurückzugehen. Doch das Syrien, das Nours Eltern noch kannten, gibt es nicht mehr. Schon bald erreicht der Krieg auch das ruhige Stadtviertel von Homs, in dem die Familie lebt. Als ihr Haus von einer Granate zerstört wird, fällt die Entscheidung, das Land zu verlassen. Ziel ist Spanien, und der Weg wird die Familie durch Jordanien, Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko führen. Auf der Suche nach Trost und Ablenkung erzählt sich Nour während der Flucht die Fabel von Rawiya, einer jungen Abenteurerin, die sich im 12. Jahrhundert dem berühmten Kartografen al-Idrisi anschließt, um die Kunst des Kartenzeichnens zu erlernen. Viele Orte, die Rawiya durchreist, liegen auf der Route von Nour und ihrer Familie. Damals wie heute lauert Gefahr. Bis Nours Mutter vor einer Entscheidung steht, die die Familie für immer auseinanderreißen könnte.

Meine Meinung:
 

Der Roman behandelt ein Thema, das im Jahr 2023 aktueller den je ist. Immigration beinhaltet Geschichten, die wir in Zukunft noch wesentlich öfter lesen werden. 
Dieses Buch nun behandelt das Thema mithilfe zweier Erzählstränge, einen märchenhaft angehauchten und einen realistischeren. Ob man die verklärte Erzählweise von Krieg und Co. gutheißt, mag jede*r für sich selbst beurteilen- ich mag das gerne, zumal der Mensch dazu neigt, unerträgliche Zustände für sich ertragbar zu machen- ähnliche Ansätze kennen wir beispielsweise aus 'das Leben ist schön'. Insofern finde ich es eigentlich sehr passend, dass ein Kind sich eine Flucht zu einem Märchen macht. Ich kam eigentlich recht gut hinein in diesen Roman, obgleich der Kulturkreis fremd und die Probleme für eine Westeuropäerin weit weg sind (wenn auch, seit kurzem, nicht mehr ganz so weit weg). 
Identitätsverlust, Erhalten kultureller Bräuche und das Fremdheitsgefühl sind zentrale Punkte in dieser Geschichte. Neben einer reichen Geschichte islamischen Gelehrtentums erzählt der Roman eine Geschichte der Suche nach sich selbst, danach, was Heimat bedeuten kann, wie dramatische Erlebnisse besondere Bindungen zwischen Menschen entstehen lassen und welche Verzweiflung mit dem scheinbaren oder tatsächlichen Verlust der eigenen Identität einhergeht. Dabei liegt der Fokus vor allem auch darauf, wie man Karten lesen und verstehen kann und dass es bestimmte Dinge gibt, die auf Karten gar nicht verzeichnet sein können.
Leider gab es hier und da auch ein paar Längen und der märchenhafte Strang war mir etwas zu langatmig. Stellenweise ging mir das ganze geschichtlich etwas zu sehr ins Detail- und letzten Endes war auch ein bißchen zuviel Zufall im Spiel der die Figuren ereilte. 

Meine Kritikpunkte empfand ich doch schon als recht störend, sodass ich mit einem eher durchschnittlichen Leseerlebnis zurück bleibe. 

Meine Bewertung:   💙💙💙🤍🤍