Posts mit dem Label Familie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Familie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

[Rezension] Ulrike Draesner- Die Verwandelten

 

Hier kaufen
26€
608 Seiten
ISBN 3328601724
Reziexemplar

Worum geht's? 


Eine nationalsozialistische Vorzeigemutter, die anderen beibringt, wie Kinder zu erziehen sind, doch über das Wichtigste, was sie verloren hat, niemals spricht. Eine Köchin, die lieber Frauen geliebt hätte als den Dienstherrn, unterwegs durch das zerstörte Deutschland im Sommer 1945. Ein Mädchen in München Solln, geboren in einem Lebensbornheim der SS. Eine alleinerziehende Anwältin von heute, die nach dem Tod ihrer Mutter unverhofft eine Wohnung in Wrocław erbt – und einen polnischen Zweig der Familie entdeckt. Alle Figuren verbindet ein Jahrhundert von Krieg und Nachkrieg, Flucht und Vertreibung, von Gewalt. Was bedeutet es, in einem Staat zu leben, der Menschenzucht betreibt? Und wie darüber schreiben, was den Frauen im Krieg geschieht? Was ihnen die Sprache nimmt. Was sie für immer verwandelt. Und wie über die unsichtbare Kraft, die verhindert, dass sie daran zerbrechen?
Ulrike Draesner gibt den Verwandelten ihre Stimmen zurück. Sie erfinden sich neu, wechseln Sprache und Land, überraschen sich selbst mit ihrem Mut, ihrem Humor, ihrer Kraft. Die Bedeutung von Familie verändert sich, Freiräume entstehen. Ein erschütternder Roman, bewegend, aufwühlend, zärtlich, klug.
Schaut: die Liebe der Töchter zu ihren Müttern, der Mütter zu ihren Töchtern. Schaut, wie sie blitzt durch ein dunkles Tuch.

Meine Meinung: 

Die Handlung konzentriert sich auf die Geschichte einer Familie, die durch die Wirren des Krieges auseinandergerissen wird. Besonders im Fokus steht die junge Elisabeth, die nach einem Angriff auf ihr Heimatdorf in Oberschlesien fliehen muss. Ihre Odyssee und die Begegnungen mit anderen Vertriebenen zeigen eindrucksvoll die Brutalität und das Chaos dieser Zeit, aber auch die Widerstandskraft und den Überlebenswillen der Menschen.
Draesners Sprache ist poetisch und zugleich präzise. Sie schafft es, mit wenigen Worten kraftvolle Bilder zu erzeugen und die emotionale Tiefe ihrer Charaktere spürbar zu machen. Ihr Stil ist geprägt von einer dichten, atmosphärischen Erzählweise, die den Leser unmittelbar in die Welt der Figuren hineinzieht. Besonders beeindruckend ist, wie sie historische Fakten und persönliche Geschichten miteinander verwebt, ohne dass dabei der literarische Anspruch verloren geht.
Ein zentrales Motiv des Romans ist die Verwandlung – sei es im physischen Sinne durch Flucht und Vertreibung oder im metaphorischen Sinne durch die innere Entwicklung der Figuren. Draesner thematisiert die Frage nach Identität und Heimat, nach Verlust und Neubeginn. Sie zeigt, wie Krieg und Gewalt Menschen verändern, sie aber auch zu neuen Erkenntnissen und Stärken führen können.
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Rolle der Frauen in Kriegszeiten. Draesner porträtiert ihre weiblichen Protagonisten als starke, eigenständige Persönlichkeiten, die trotz aller Widrigkeiten ihren Weg gehen. Dies verleiht dem Roman eine zusätzliche Dimension und hebt ihn von anderen historischen Romanen ab.
"Die Verwandelten" von Ulrike Draesner ist ein beeindruckender Roman, der durch seine literarische Qualität und die Tiefe seiner Themen besticht. Draesner gelingt es, die Schrecken des Krieges und die Kraft des menschlichen Geistes in einer poetischen und zugleich eindringlichen Sprache darzustellen. Ihre fein gezeichneten Charaktere und die kunstvolle Verknüpfung von Geschichte und persönlichem Schicksal machen das Buch zu einem Leseerlebnis, das lange im Gedächtnis bleibt.
Wer sich für anspruchsvolle Literatur interessiert und bereit ist, sich auf eine emotionale und intellektuelle Reise zu begeben, sollte "Die Verwandelten" unbedingt lesen. Es ist ein Werk, das sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt – ein wahrer Schatz in der zeitgenössischen deutschen Literatur.
Ulrike Draesner, eine der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Autorinnen, präsentiert mit "Die Verwandelten" einen Roman, der sowohl literarisch anspruchsvoll als auch tief berührend ist. In ihrem Werk verschmelzen historische Fakten, mythologische Bezüge und menschliche Schicksale zu einem eindrucksvollen Gesamtbild, das lange nachhallt. "Die Verwandelten" spielt in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und folgt den Lebenswegen mehrerer Protagonisten, deren Schicksale auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind. Draesner beleuchtet die Grausamkeiten des Krieges und deren Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Bewusstsein der Menschen. Dabei wechselt sie meisterhaft zwischen verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven, was dem Roman eine besondere Tiefe und Komplexität verleiht.





Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Laura Imai Messina- Der verborgene Leben der Farben

 

Hier kaufen
22€
384 Seiten
ISBN 3442762650
Reziexemplar

Worum geht's? 

Mitternachtsschwarz mit einem Hauch von Mond, Indigo, das nach Heidelbeere riecht, Pfirsichgelb kurz vor der Reife: Mio versteht es, alle Farben der Welt einzufangen und zu benennen. In dem Atelier, in dem ihre Familie Hochzeitskimonos mit alten, seit Generationen überlieferten Symbolen näht und bestickt, lernte sie von klein auf die Bedeutung der Details und entdeckte das verborgene Leben der Farben. Seitdem sind Farben ihr Alphabet, ihr geheimer Schlüssel zur Welt. Aoi hingegen begleitet Beerdigungszeremonien: Er bereitet diejenigen vor, die von dieser Welt gehen, und kümmert sich um jene, die bleiben. Er besitzt die seltene Sensibilität, sein Gegenüber auf den ersten Blick zu verstehen. Als sich Mios und Aois Wege kreuzen, spiegeln sie sich wie zwei Komplementärfarben. Sie scheinen perfekt füreinander, doch ihre Begegnung war kein Zufall.

Laura Imai Messina versteht es meisterhaft, die magische Kraft des Alltäglichen freizulegen. Und Japan, der Ort der Gegensätze, ist die ideale Projektionsfläche dieser Magie. So werden auf den Straßen von Tokio, der zukunftsgewandten Stadt, immer noch die alten Rituale einer tausendjährigen Kultur gelebt, wie die Übergangszeremonien von Hochzeit und Beerdigung. »Das verborgene Leben der Farben« ist ein großstädtisches Märchen, das die Macht hat uns zu verzaubern.(Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Das verborgene Leben der Farben" ist ein unglaublich berührendes Buch, das mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen hat. Laura Imai Messina gelingt es auf wunderbare Weise, die Macht und Schönheit der Farben in unserem Leben aufzuzeigen und dabei gleichzeitig eine fesselnde Geschichte zu erzählen.

Die Art und Weise, wie die Autorin die verschiedenen Farben mit den Emotionen und Gefühlen der Charaktere verwebt, ist einfach magisch. Jede Farbe hat ihre eigene Bedeutung und bringt eine ganz eigene Stimmung in die Geschichte. Ob es nun das tiefe Blau des Ozeans ist, das die Sehnsucht und die Verbundenheit der Protagonisten widerspiegelt, oder das leuchtende Rot der Sonne, das die Hoffnung und die Lebensfreude symbolisiert - jede Farbe hat ihre eigene Geschichte zu erzählen.

Besonders beeindruckend fand ich auch die Art und Weise, wie Laura Imai Messina die historischen Ereignisse in die Handlung einfließen lässt. Die Geschichte spielt im Japan der Nachkriegszeit und behandelt Themen wie Trauer, Verlust und die Suche nach einem Neuanfang. Durch die Verknüpfung von persönlichen Schicksalen und gesellschaftlichen Umbrüchen gelingt es der Autorin, eine packende und tiefgründige Geschichte zu erzählen, die noch lange nachhallt.

Auch die Figuren in diesem Buch sind einfach fantastisch. Ihre Entwicklung im Laufe der Handlung ist mitreißend und einfühlsam geschildert. Man fiebert und leidet mit ihnen mit und kann sich voll und ganz in ihre Gedanken und Gefühle hineinversetzen.

Insgesamt hat mich "Das verborgene Leben der Farben" tief berührt und nachdenklich gestimmt. Es ist ein Buch, das mich noch lange begleiten wird und das ich jedem, der sich für emotionale und tiefgründige Geschichten interessiert, wärmstens ans Herz legen möchte. Ein wahres Meisterwerk, das man gelesen haben muss!


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Thomas Olde Heuvelt- November

  

Hier kaufen
18 €
640 Seiten
ISBN 3453321448
Reziexemplar
Worum geht's? 

In Lock Haven, einer beschaulichen kleinen Stadt in Washington State, gibt es eine ganz besondere Straße. Die Bird Street. Wer in der Bird Street wohnt, ist erfolgreich, wohlhabend, gesund und glücklich. Die Kinder allesamt ausgeglichen, wohlerzogen und klug. Zumindest für elf Monate im Jahr. Im November jedoch brechen die dunklen Tage an. Pech, Misserfolg und Krankheit halten Einzug. Im November kommt der Fremde in die Bird Street, um bei den Bewohnern die Schulden einzutreiben. Im November ist die Zeit gekommen, den Preis für all das Glück zu zahlen. Denn es kehrt erst zurück, wenn ein Menschenleben geopfert wird ... (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

'November' ist nicht das erste Buch des Romanautoren Thomas Olde Heuvelt. 'Hex' war seinerzeit das Erste, und es konnte mich, trotz einiger Schwächen, doch ziemlich begeistern. Der Eindruck war auf jeden Fall nachhaltig gut genug, um auf den neuen Roman des niederländischen Autors zu warten und ihm sogleich eine Chance zu geben. 
Fangen wir mit dem Groben an. Wieder nimmt sich Heuvelt eine begrenzte Gemeinschaft von Menschen vor- war es in 'Hex' noch eine Kleinstadt, beschränkt er sich hier auf eine einzige Straße. Eine Straße voller Nachbarn, aber mit übersichtlicher Personenzahl. Die ersten Seiten hindurch hatte ich tatsächlich Angst, dass es durch die (so dachte ich) vielen Erzählperspektiven zu verschlungen und verwirrend werden könnte. Zu meiner Erleichterung stellte ich aber fest, dass er sich doch auf eine Familie beschränkt und das Geschehen nur aus ihrer Sichtweise heraus erzählt. Somit waren meine ersten Befürchtungen schon einmal zerstreut. 
In der Bird Street leben ausschließlich Menschen, von denen man sagen könnte, sie haben es geschafft. Sie sind erfolgreich, sie haben Geld, sie leben ihre Träume. Alles Friede Freude Eierkuchen. Aber dann, jedes Jahr im November, kippt das Ganze. Kinder werden aggressiv und stürzen in psychiatrische Episoden, Erwachsene werden krank und streiten, alles scheint den Bach herunter zu gehen- ausser, es wird ein Menschenleben geopfert. 
Nun gut. Die Bewohner der Bird Street finden viele Jahrzehnte, das sei ein angemessener Preis. Bis im Jahr des Romans etwas furchtbares geschieht- und damit alles von der Klippe zu stürzen droht. 
Generell würde ich schon sagen, es gibt durchaus Horrorelemente in dem Roman. Ich fand ein paar Elemente vom 'Friedhof der Kuscheltiere' sowie von 'Rosemarys Baby'. Es gelingt dem Autor schon, hier eine düstere, lauernde Atmosphäre aufzubauen. Es gab sogar einen Abend, an dem ich nicht einschlafen konnte und mich im Dunkeln fürchtete, weil ich das Buch noch so im Kopf hatte. Auch die Spannung nimmt mit den Seiten immer mehr zu, bis sie schließlich im Finale explodiert. Obgleich ist einiges von der Auflösung schon erahnte und mir manches zu offen bliebt, war es doch ein sehr gelungenes Leseerlebnis, das ich weiterempfehlen würde. Negativ fielen mir durchaus ein paar Längen auf, 50-100 Seiten weniger hätten dem Buch nicht geschadet. Es war nun aber auch nicht so schlimm, dass ich es entnervt hätte weglegen wollen. Wie auch schon in 'Hex' gelingt es Heuvelt hier erneut sehr gut, menschliche Abgründe der 'Menschen von Nebenan' darzustellen. Dieses Buch hinterlässt die Frage: Wie gut kennen wir unsere Nachbarn eigentlich wirklich? Und was wären sie bereit, für ihr eigenes Glück zu tun? 

Meine Bewertung: 

💙💙💙💙🤍

[Rezension] Nina Blazon- Ich träumte von einer Bestie


Hier kaufen
22€
448 Seiten
ISBN 3365003002
Reziexemplar
Worum geht's? 


Fleurs Leben ist das Internet. Dieser Ort bietet der Datenforensikerin im Gegensatz zur realen Welt Geborgenheit. Als Fleur die Wohnung ihrer verhassten französischen Großmutter erbt, wird sie mit ihrer ungeklärten Familiengeschichte konfrontiert. Auf den Spuren ihrer Ahnen reist Fleur nach Frankreich in die Auvergne. Dort stößt sie auf ein dunkles Geheimnis, das bis in die Zeit der Aufklärung zurückreicht. Dabei blickt sie auch einer Bestie ins Gesicht, die das Schicksal ihrer Familie seit Generationen überschattet. Nach dieser Begegnung wird Fleur für immer eine andere sein.

Nina Blazon führt uns nach Frankreich und hin zu einer bekannten Legende: die Bestie des Gévaudan. (Quelle: Verlag)

Meine Meinung: 

Wenn es eines im literarischen Sektor gibt dem ich nicht widerstehen kann, dann sind es Adaptionen von Märchen und Legenden. Für Erwachsene, möchte ich betonen, also auch gerne düster und tiefgehend. In der Vergangenheit habe ich bereits einige sehr gute Beispiele davon kennen gelernt, wie beispielsweise die Bücher von Daniela Winterfeld, Christina Henry oder Madeline Miller. Ich liebe es mich so richtig in diese Geschichten fallen zu lassen, mich hinwegzuträumen. Meistens haben sie mystische Anklänge oder gehen in den Bereich der Fantasy, einfach der Tatsache geschuldet dass auch Märchen und Legenden meistens einen nicht zu vernachlässigenden übersinnlichen Einschlag haben. 
Das war es also, womit ich auch bei diesem Roman zuerst gerechnet hatte. Dies kann ich auf jeden Fall schon einmal entkräften: Der Roman gehört für mich keinesfalls in das Genre der Fantasy. Obgleich die Autorin sich einige Dinge ausgedacht hat die so nicht existieren, wie sie im Nachwort erklärt, bleiben diese fiktionalen Fakten doch immer ausgerichtet an real existierenden Gegebenheiten. Ich muss zugeben, ganz zu Anfang mochte ich die Protagonistin Fleur nicht leiden. Sie war spröde, bärbeißig und verschlossen und ich bekam keinen rechten Zugang zu ihr. Überhaupt waren die ersten Seiten des Romans für mich eher holprig, wirkten typisch betulich deutsch, wenn auch sprachlich von Beginn an sehr schön zu lesen. 
Aber dann, so nach 50 Seiten, packte es mich. Als im Laufe des Romans auch immer mehr von Fleurs Hintergrund offenbar wurde, machte ich meinen Frieden mit ihrer Art, die im Nachhinein für mich nachvollziehbar wurde und ziemlich gut dazu passte. Ebenso die Art ihrer Familie, bei denen mir zu Anfang nur Bruder und Stiefvater sympathisch waren. Was die äußere Form angeht, so hatte ich einen Roman erwartet wie ich ihn bei solchen Themen kenne: Auf zwei Zeitebenen erzählt. Unter uns, das empfinde ich langsam als wirklich zu Tode geritten, es entlockt mir nur noch ein Schnarchen. Ich hüpfte innerlich vor Freude als ich erkannte, dass die Autorin hier komplett darauf verzichtet- obgleich wir uns natürlich mit der Vergangenheit beschäftigen, uns der Legende von Gévaudan immer weiter annähern, ist die Handlung doch die ganze Zeit in der Gegenwart angesiedelt, was mir SEHR gut gefiel. Und überraschenderweise gelingt es Nina Blazon trotzdem, die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. 
Wer wirklich mal ein bißchen Frankreich fühlen will, ist hier gut aufgehoben. Immer wieder werden französische Ortschaften beschrieben, Charaktere erschlossen und die französische Sprache eingestreut. Aber immer wirkte es organisch, nie bemüht oder überhöht, und: Es liest sich, als würde die Autorin die Landschaft des Gévaudan genau kennen. Ich weiß nicht, ob sie dorthin gereist ist, aber ich könnte es mir gut vorstellen, so plastisch ist die Beschreibung, und, wichtig für mich: Der Flair. In dieser Hinsicht war der Roman wie ein Kurzurlaub für mich. Die Handlung selbst entfaltet sich wie eine hübsche Blume, wie es auch Fleur tut, die im Laufe der Geschichte immer mehr über sich selbst herausfindet und ihre eigentlichen Wurzeln erkennt. 
Wenn ich herausstellen müsste was mir in einem Roman am allerwichtigsten ist, so wäre das die Charakterentwicklung. Nichts fesselt mich so sehr wie Charaktere die einen Weg gehen und dabei glaubhaft begleitet werden. Das war es, was ich hier fand: Glaubhafte Charaktere, nachvollziehbare Motive, Entwicklung. 
Für mich war dieser Roman ein absolutes Highlight, ja, das muss ich wirklich sagen. Nachdem ich die ersten paar Seiten hinter mir hatte ließ er mich nicht mehr los, bis ich ihn zuschlug. Ich könnte mir sogar vorstellen ihn nochmal zu lesen, was ich sonst nie tue. Ich spreche eine unbedingte Leseempfehlung aus und vergebe die Maximalpunktzahl. Und natürlich werde ich die Autorin weiter im Auge behalten und hoffe innigst, dass es bald wieder etwas von ihr zu lesen geben wird, das so ein Feuerwerk in meinem Kopf entfacht. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙

[Rezension] Octavia E. Butler- Die Parabel vom Sämann

 

Hier kaufen
15€
448 Seiten
ISBN 3453534921
Rezensionsexemplar
Worum geht's? 

Wir schreiben das Jahr 2024. Klimawandel, Wirtschaftskrisen und ein politischer Rechtsruck haben das Leben in den USA von Grund auf verändert. Lauren Olamina lebt mit ihrer Familie in Kalifornien, relativ sicher vor Plünderern hinter hohen Mauern. Wer überleben will, muss Stärke zeigen, deswegen hütet Lauren ihr Geheimnis sorgfältig: Sie leidet an Hyperempathie – sie empfindet die Emotionen eines anderen Menschen so tief, als wären es ihre eigenen. Doch wenn sie will, dass ihre Stimme gehört wird, darf sie sich nicht länger hinter den Mauern verstecken. Also macht sich Lauren auf die Reise nach Norden, wo es noch Sicherheit und Jobs gibt. Was als Kampf ums Überleben beginnt, wird schnell zu sehr viel mehr: Der Geburt einer neuen Religion – und einer atemberaubenden Vision für die Zukunft der Menschheit.

Meine Meinung: 


Dies war mein erster Roman von Octavia E. Butler- der Name war mir bisher komplett unbekannt, vielleicht auch, weil ich nicht die typische Sciene-Fiction Leserin bin. Ich stelle mir unter Science Fiction immer die typische Story in Weltraumstädten und fremden Planeten vor- wurde mit diesem Roman aber daran erinnert, dass dieses Bild nicht immer stimmt- auch Utopien oder (in diesem Fall) Dystopien können zu diesem Genre gehören. 
Ja, wir sehen hier eine recht düstere Dystopie. Und es ist, wie ich finde, ziemlich beeindruckend, welche Sicht auf die Zukunft eine Autorin hatte, die bereits 2006 verstarb. Das Bild, das sie zeichnet, ist heute gar nicht mehr zu unwahrscheinlich. Eine Welt, viel zu warm und trocken, in der die Menschen auf der Suche nach Arbeit und Wasser gen Norden ziehen, da der Süden zunehmend unbewohnbar wird. Generell kein schönes Szenario, niemand vertraut anderen, es gilt das Recht des Stärkeren und Mitgefühl und Freude ist nur noch selten zu finden. In dieser Welt lebt nun Lauren, die die Gefühle anderer Menschen spürt als wären es ihre eigenen. In einer Welt voller Hass und Not eine zweifelhafte Ehre. Eines Tages ist sie gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen- und nutzt dies als Start in ein neues Leben. Auf ihrer Wanderschaft begleitete ich sie auf jedem Schritt, teilte ihre Gedanken und lernte mit ihr Menschen kennen, die sich ihr anschlossen. Lauren ist eine unglaublich gut ausgestaltete Heldin, die sich (wohl aufgrund ihrer Gabe) eine gewisse Ethik und ein gutes Herz bewahrt hat. Der Roman hat mich emotional auf ganz vielen verschiedenen Ebenen erreicht, ich durchlebte das gesamte Gefühlsspektrum beim Lesen. Eine starke, weibliche Heldin, die aber nicht übertrieben wirkt sondern ein Mensch mit realistischen Träumen, Motiven und auch Schwächen ist. Die Gruppe von Menschen um sie herum, die sich durch sehr unterschiedliche Individuen auszeichnet, die alle ihre Eigenheiten mitbringen und meisterhaft gestaltet sind. Ich hatte zum Schluss das Gefühl, diese Menschen wirklich zu kennen. Lauren trägt in dieser düsteren Umgebung ein Licht vor sich her und reißt die Menschen mit. 
Wer Gewaltschilderungen nicht lesen kann oder Beschreibungen von Elend, wird mit diesem Roman nicht glücklich werden, denn die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund. Mord an Kindern kommt genauso vor wie Kannibalismus. Wer dies aber in die Geschichte eingebettet in Ordnung findet, der findet hier ein echtes Meisterwerk. Ich habe lange nicht mehr etwas zu packendes gelesen und werde mir in jedem Fall die Fortsetzung ebenfalls vornehmen, wenn sie nächstes Jahr herauskommt. Volle Punktzahl. 

Meine Bewertung:  💙💙💙💙💙





[Rezension] Michel Bergmann- Mameleben: oder das gestohlene Glück

 

Kaufen
25€
256 Seiten
ISBN 3257072252
Rezensionsexemplar
Worum geht's? 

Großartig und nervtötend, liebevoll und erdrückend, aufopfernd, aber auch übergriffig – Michel Bergmann liebt seine Mutter Charlotte und hält sie manchmal nicht aus. Er erzählt in diesem Buch, in dem er nichts und niemanden schont, die Geschichte dieser eigenwilligen, starken Frau: ihre Vertreibung aus Deutschland, der Verlust fast der gesamten Familie, das Glück, ihren künftigen Ehemann wiederzufinden, und dennoch ein Schicksal, bei dem sie allzu oft ganz auf sich allein gestellt ist. (Quelle: Verlag)

Meine Meinung:

Bücher, die von der echten Lebensgeschichte eines Menschen handeln beurteile ich stets anders, als Fiktion. Sicher kann ich über den Schreibstil urteilen, über die Erzählweise- aber ich kann nicht die Erlebnisse des dargestellten Menschen bewerten. Gleichfalls finde ich es schwierig am Ende zu sagen 'es hätte mir Spaß gemacht' das Buch zu lesen oder 'es sei eine Quälerei gewesen'. 
Aber hier muss ich wirklich sagen, gleich nach den ersten Zeilen war ich sofort 'drin'. Die Geschichte von Michel und seiner Mutter Charlotte, genannt Lotte, war ungemein fesselnd. Wir lernen zunächst Lotte als alte Frau kennen, unbequem, wunderlich und manchmal nervtötend für ihren Sohn (und für die Lesenden...). Es scheint so als könne er ihr nichts rechtmachen, sie nicht glücklich sehen und nie ihren Erwartungen entsprechen. 

Im Laufe der Geschichte lernen wir dann etwas über Charlottes Leben, das ihr wirklich nichts geschenkt hat, oder, wenn wir mal so deutlich sein wollen, ihr ständig in den Hintern getreten hat. Es beginnt schon damit, dass sie ihr Abitur nicht machen kann, da die Nazis an die Macht kommen und der Jüdin die Schule verbieten. Somit zerschlägt sich Lottes Wunsch, Kinderärztin zu werden für immer. Hier beginnt es, hier beginnen die Gründe, die Lotte letzten Endes zu einer solchen Frau werden lassen. Ihr ganzes Leben lang muss diese Frau über mannshohe Felsen klettern (wörtlich und im übertragenen Sinne) die ihr in den Weg geworfen werden, gefühlt hat sie niemals eine Atempause. So wird ihr Verhalten, ihre Art, immer greifbarer und verständlicher, bis ich am Schluss tatsächlich schlucken musste. 
Dieses Buch hat mich nachhaltig beeindruckt- wie die meisten anderen habe und hatte auch ich Differenzen mit meiner Mutter. Und doch denkt man als Kind nur selten darüber nach was die Mutter eigentlich zu diesem Menschen hat werden lassen. Die Vergangenheit einer Mutter liegt für ihre Kinder meist im Dunkel und wird manchmal nie entdeckt. Wie gut kennen wir unsere Eltern eigentlich als Menschen? 
Ergreifend, emotional und letzten Endes reflektiert und liebevoll betrachtet der Autor hier seine tote Mutter, die ich irgendwann wirklich besser verstand. Von mir eine unbedingte Leseempfehlung! 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙


[Rezension] Esther Schüttpelz- Ohne mich

 

Kaufen
22€
208 Seiten
ISBN  3257072333
Rezensionsexemplar

 Worum geht's? 

Sie ist Mitte zwanzig, gerade fertig mit dem Studium und genauso frisch verheiratet wie getrennt. Was tun, nachdem eine erste große Liebe krachend gescheitert ist? Die Erzählerin von Esther Schüttpelz’ Roman sucht. Nach dem Grund für die Trennung. Nach einem Plan für die Zukunft. Nach Freundschaft und nach Nähe und Rausch und Vergessen. Scharfzüngig, verletzlich und komisch erzählt sie von einem Jahr des Danach und Dazwischen, von der Sehnsucht nach Verbundenheit in einer distanzierten Welt. (Quelle: Amazon)

Meine Meinung:

Für dieses Buch eine Rezension zu verfassen, da tue ich mich wirklich schwer. Dick ist es nicht, gerade etwas über 200 Seiten. Es ist ein Debüt, da bin ich normalerweise recht gnädig. 
Es geht also um eine junge Frau, die sich gerade von ihrem Ehemann getrennt hat und nun auf der Suche ist. Schon der Schreibstil fiel mir sofort negativ auf. Er ist absolut schmuck- und emotionslos, kalt und nüchtern. Die Sätze waren entweder kurz und knapp, oder ellenlang und leierartig, wo wirklich unterwegs ein paar Kommata zwischen gehört hätten. Dieser Schreibstil war leider ein Faktor, der den Roman extrem distanziert wirken ließ, auch die Protagonistin bleibt dadurch eine Unbekannte, die auf mich ebenfalls unglaublich kühl und abgeklärt wirkte. Es sollten wohl auch die üblichen Emotionen nach einer Trennung übermittelt werden, aber ich kam während des gesamten Buches keinen einzigen Schritt näher an die Frau heran. War für mich absolut austauschbar. Ich kenne sie jetzt, nach der letzten Seite, kein Stück besser als zu Anfang. Als Leserin, die auf Charaktere enormen Wert legt erwischte mich das leider auf dem komplett falschen Fuß. Ich fühlte mich richtiggehend von dem Buch alleine gelassen. Zudem war mir die andauernde (jede Seite beinahe) Erwähnung von Drogen, Saufen, Rauchen einfach zu viel. Als sei ich in die 80er gefallen oder die Autorin hätte einen Vertrag mit der Tabakindustrie. Störte mich sehr, weil es einfach zu dominant war. Die Suche, die im Klappentext erwähnt ist, konnte ich leider nicht finden. 
Für mich ein hedonistisches Portrait einer Feiergesellschaft ohne Substanz. Leider konnte mich das Buch überhaupt gar nicht abholen oder in irgendeiner Form begeistern. Schade. Ich stimme dem Titel des Romans also zu: Ohne mich!


Meine Bewertung: 💙🤍🤍🤍🤍



[Rezension] Ellen Sandberg- Das Unrecht

 

Kaufen
22€
416 Seiten
ISBN 3328602542
Reziexemplar
Worum geht's? 

Jedes Jahr, wenn der Herbst naht, wird Annett von einer inneren Unruhe erfasst. Dann macht sich die Narbe an ihrem Arm bemerkbar, dann werden die Erinnerungen an den Sommer 1988 und an die Clique von damals wach. Fünf Freunde, die sich blind vertrauten, bis einer von ihnen zum Verräter wurde.
Jetzt, Jahrzehnte später, begreift Annett, dass sie ihren inneren Frieden erst finden wird, wenn sie sich der Vergangenheit stellt. Kurz entschlossen fährt sie nach Wismar. Zurück an die Ostsee, in ihre alte Heimat. Doch je mehr sie dort über die Ereignisse jenes Sommers herausfindet, umso deutlicher wird: Sie hätte die Vergangenheit besser ruhen lassen, denn der Verrat von damals reißt ihr Leben erneut in einen Abgrund …

Ein großer Spannungsroman über eine ungesühnte Schuld und die Schatten der Vergangenheit, die eine Familie nach Jahrzehnten einholen. (Quelle: Amazon)



Meine Meinung: 


Ich habe bisher tatsächlich alle Romane von Ellen Sandberg gelesen- eine Autorin, die sich gerne mit Schuld und Vergeltung, mit Traumata und Familiengeschichten befasst. Und die eine absolute Schwäche für das Erzählen auf zwei Zeitebenen hat. Da könnte man jetzt sagen, immer gleiche Form und neu aufgerollt. Ja, neu erfinden tut die Autorin das Rad nicht- andersherum wissen Leser und Leserinnen aber immer, was sie bekommen. Und das ist einen spannenden Roman mit Verrat und Liebe, Freundschaft und doppeltem Boden, an dessen Ende die Fäden zusammen geführt werden und meist einen 'Aha'- Moment hervorrufen. 

Bei diesem Roman also begeben wir uns in die DDR des Jahres 1988 sowie in die Jetztzeit. Da ahnt der/die beflissene Leser:in schon, worauf es hinausläuft. Kein DDR Roman ohne die Stasi, das Stasigefängnis und Verrat. Ich lebe heute auf dem Grund und Boden der ehemaligen DDR und habe in meinem Umfeld mehrheitlich Menschen, die Zeitzeugen sind. Und: Das, was die Autorin hier erzählt, entsprach der Realität. Jeder Nachbar konnte ein Verräter sein, manchmal wurden sogar Eheleute wechselseitig auf ihren jeweiligen Partner angesetzt. Sie lebten dann dreißig Jahre zusammen und wussten nicht, dass sie ebenfalls bespitzelt wurden. Diese Zeitebene fand ich daher durchaus sehr gelungen, wenn auch die detaillierten Beschreibungen schmerzhaft waren. 

In der Jetztzeit stieß ich mich sehr an der Beziehung/Ehe der Hauptprotagonistin (Manipulation, nicht gleichberechtigte Partnerschaft, Besessenheit) und fand, dieses Thema bzw. die Dynamik hätte durchaus ein eigenes Buch verdient gehabt. So fand ich es zum Teil etwas viel oben drauf. 
Unterm Strich hat mir auch dieser Roman der Autorin wieder gefallen, ein großer Wurf ist er aber meiner Meinung nach nicht. Solide Unterhaltung für ein verregnetes Wochenende. 


Meine Bewertung: 💙💙💙🤍🤍

[Rezension] Zeyn Joukhadar- Die Karte der zerbrochenen Träume


Kaufen
22€
448 Seiten
ISBN 3453271513
Reziexemplar

Worum geht's? 

Sommer 2011. Nour ist als Kind syrischer Einwanderer in New York geboren. Als ihr Vater stirbt, beschließt Nours Mutter, in ihre Heimat Syrien zurückzugehen. Doch das Syrien, das Nours Eltern noch kannten, gibt es nicht mehr. Schon bald erreicht der Krieg auch das ruhige Stadtviertel von Homs, in dem die Familie lebt. Als ihr Haus von einer Granate zerstört wird, fällt die Entscheidung, das Land zu verlassen. Ziel ist Spanien, und der Weg wird die Familie durch Jordanien, Ägypten, Libyen, Algerien und Marokko führen. Auf der Suche nach Trost und Ablenkung erzählt sich Nour während der Flucht die Fabel von Rawiya, einer jungen Abenteurerin, die sich im 12. Jahrhundert dem berühmten Kartografen al-Idrisi anschließt, um die Kunst des Kartenzeichnens zu erlernen. Viele Orte, die Rawiya durchreist, liegen auf der Route von Nour und ihrer Familie. Damals wie heute lauert Gefahr. Bis Nours Mutter vor einer Entscheidung steht, die die Familie für immer auseinanderreißen könnte.

Meine Meinung:
 

Der Roman behandelt ein Thema, das im Jahr 2023 aktueller den je ist. Immigration beinhaltet Geschichten, die wir in Zukunft noch wesentlich öfter lesen werden. 
Dieses Buch nun behandelt das Thema mithilfe zweier Erzählstränge, einen märchenhaft angehauchten und einen realistischeren. Ob man die verklärte Erzählweise von Krieg und Co. gutheißt, mag jede*r für sich selbst beurteilen- ich mag das gerne, zumal der Mensch dazu neigt, unerträgliche Zustände für sich ertragbar zu machen- ähnliche Ansätze kennen wir beispielsweise aus 'das Leben ist schön'. Insofern finde ich es eigentlich sehr passend, dass ein Kind sich eine Flucht zu einem Märchen macht. Ich kam eigentlich recht gut hinein in diesen Roman, obgleich der Kulturkreis fremd und die Probleme für eine Westeuropäerin weit weg sind (wenn auch, seit kurzem, nicht mehr ganz so weit weg). 
Identitätsverlust, Erhalten kultureller Bräuche und das Fremdheitsgefühl sind zentrale Punkte in dieser Geschichte. Neben einer reichen Geschichte islamischen Gelehrtentums erzählt der Roman eine Geschichte der Suche nach sich selbst, danach, was Heimat bedeuten kann, wie dramatische Erlebnisse besondere Bindungen zwischen Menschen entstehen lassen und welche Verzweiflung mit dem scheinbaren oder tatsächlichen Verlust der eigenen Identität einhergeht. Dabei liegt der Fokus vor allem auch darauf, wie man Karten lesen und verstehen kann und dass es bestimmte Dinge gibt, die auf Karten gar nicht verzeichnet sein können.
Leider gab es hier und da auch ein paar Längen und der märchenhafte Strang war mir etwas zu langatmig. Stellenweise ging mir das ganze geschichtlich etwas zu sehr ins Detail- und letzten Endes war auch ein bißchen zuviel Zufall im Spiel der die Figuren ereilte. 

Meine Kritikpunkte empfand ich doch schon als recht störend, sodass ich mit einem eher durchschnittlichen Leseerlebnis zurück bleibe. 

Meine Bewertung:   💙💙💙🤍🤍


[Rezension] Mary Beth Keane- Mit dir bis ans andere Ende der Welt


Eisele Verlag
464 Seiten
24€
ISBN: 978-3-96161-142-3
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

Irland in den 1960er Jahren: Nie hätte Greta gedacht, dass sie ihr Heimatdorf an der irischen Küste jemals verlassen wird – bis sie nach einem tragischen Unfall mit ihrer Schwester nach New York reist, wo die Beziehung der beiden auf eine harte Probe gestellt wird. Mit dir bis ans andere Ende der Welt erzählt von der Liebe in ihren verschiedenen Erscheinungsformen: Von der unerwarteten ersten Liebe zu einem anderen Menschen, von der Liebe einer Mutter zu ihren Kindern, von der Liebe zu einem Ort, an dem man sich ein Leben aufgebaut hat – und von der Angst, dieses Leben wieder zu verlieren. (Quelle: Verlag) 


Meine Meinung
:

Ich könnte das Ganze jetzt abkürzen indem ich sage: Ich liebs einfach. Aber dieses Buch hat auf jeden Fall eine differenziertere Betrachtung verdient. Der Eisele Verlag steht für mich bisher immer für Qualität und ich muss sagen, auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht- ich könnte tatsächlich blind zugreifen, wenn das Buch von diesem Verlag kommt. 
Nun aber zum Buch selbst. Familiengeschichten kennt man in dem Genre ja wirklich zu Genüge. Viele sind auch wirklich ausgelutscht, es ist eben nichts neues mehr sondern immer wieder gleiches in hübschem Gewand. Auch hier haben wir eine Familiengeschichte, aber es fühlt sich tatsächlich frisch und neu an. Zwei Schwestern, vom Wesen her sehr unterschiedlich, gehen unterschiedliche Wege durchs Leben. Er ist zwar eine Nebenfigur, aber eine sehr wichtige- Michael Ward, der Tinker. Wir erfahren in diesem Roman einiges über deren Kultur, was mir ganz besonders gefallen hat. Ganz besonders spannend ist da natürlich der Gegensatz zwischen der fahrenden Gemeinschaft die nie lange irgendwo bleibt und den Sesshaften, zu denen Greta und ihre Familie zählen und die ihren Landstrich seit Generationen bewohnen. Diese Spannung zwischen den Figuren bietet eine ganze Menge Potential, das hier tatsächlich auch ausgeschöpft wird. Die Autorin geht liebevoll in die Tiefe, aber nie so sehr, dass es langweilig würde. Sie erzählt schwierige oder auch traurige Zusammenhänge mit einer gewissen mühelosen Leichtigkeit, die mir sehr gefallen hat. Die Unaufgeregtheit beizubehalten und trotzdem tiefe Emotionen zu transportieren ist eine Kunst, die hier wahrlich gelingt. Sprachlich ist dieser Roman auf jeden Fall ein Genuss, ist dabei aber leicht und süffig zu lesen. Ich merkte gar nicht, dass ich plötzlich schon die Hälfte durch hatte- ein echter Pageturner, ein Buch, das einen fesselt. Die Figuren wuchsen mir allesamt schnell ans Herz, ich interessierte mich für ihr Schicksal und ihre Träume, Wünsche und Nöte. Und auch jetzt, nachdem ich das Buch beendet habe, lässt mich die Familiengeschichte noch nicht so ganz wieder aus ihren Fängen. Sie eignet sich sowohl für den sommerlichen Liegestuhl wie auch als Lektüre an einem verregneten Wochenende. Ich empfehle den Roman vorbehaltlos weiter. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙💙




[Rezension] Fernando Aramburu- Die Mauersegler


Rowohlt Verlag
832 Seiten
28€
ISBN: 978-3-498-00303-6
*Reziexemplar*

 Worum geht's? 

Der spanische Bestsellerautor Fernando Aramburu legt einen großen humanistischen Roman über einen Mann namens Toni vor. Toni ist ein Antiheld, der das Leben nicht liebt. Nur seinen Hund. Er fasst einen Entschluss: Er will allem ein Ende setzen. In genau 365 Tagen. Am 31. Juli beginnt das letzte Jahr, und dieser Roman hat 365 Kapitel, eins für jeden Tag. Die ersten Monate sind für Toni geprägt von Erinnerungen an seine Familie in der wechselhaften spanischen Geschichte, Beobachtungen seiner Landsleute und Erlebnissen, die ihn in seiner Weltsicht bestärken. Doch dann kommt es zu einer unerwarteten Begegnung mit einer Frau, deren Hund auch Toni heißt. Ein Zeichen! Und mit einem Mal gerät Tonis Plan ins Wanken.

Voller Herzenswärme, traurig, lustig, zutiefst berührend: ein meisterhaftes Werk. Die Chronik eines Countdowns, die auf fantastische Weise von der Hoffnung auf ein glückliches Leben erzählt. Für die spanische Kritik ist es schon jetzt ein Klassiker des 21. Jahrhunderts. (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Vorweg muss ich sagen: Ich habe den vorhergehenden Roman des Autors, 'Patria', gelesen. Ich kannte also schon den Schreibstil und Arumburus Art, an ein Thema heranzugehen. Wobei ich sagen muss, dass sich schon auf den ersten Blick der Schreibstil der Erzählung deutlich unterscheidet- ich möchte sagen, auf jeden Fall zum Positiven. Während ich in 'Patria' oft das Gefühl hatte den Faden zu verlieren und der Story nicht richtig folgen zu können war das bei den 'Mauerseglern' überhaupt kein Problem: Mehr noch, der doch ziemlich ausufernde Roman ist in griffige kurze Kapitel unterteilt, die vor dem Hintergrund der Geschichte auf jeden Fall Sinn machen und das Lesen und verfolgen extrem vereinfachen. Der Protagonist, Toni, erschien mir zu Anfang starkt betrübt, melancholisch und verbittert und auch ziemlich fatalistisch- bis auf seinen besten Freund und seine Hündin lässt er niemanden mehr in sein Herz, was mir zu Anfang natürlich etwas befremdlich vorkam (ich bin eher so der Typ Hippie- offen- für-alles), aber im weiteren Verlauf der Erzählung gar nicht so abwegig ist- so ist seine Exfrau Amalia in meinen Augen eine egoistische Medusa, die selbstsüchtige Ziele verfolgt und nicht einmal davor zurückschreckt, den Hund auszusetzen um ihn loszuwerden. 
Generell ist dem Autor hier ein eindrückliches Bild in Romanform gelungen das zeigt was passiert wenn Menschen schweigen und nicht offen miteinander kommunizieren, was passiert wenn sich Abneigung und letzten Endes Hass über Jahre aufbaut und sich schließlich Bahn bricht. 
Im Großen und Ganzen zuerst also ein recht deprimierendes Buch. Versteh mich nicht falsch, das kann ebenso interessant sein und mir kommt es ja bei Romanen am meisten auf die Charakterentwicklung an- und dafür ist der Roman perfekt. Anspruchsvoll und tiefgehend, manchmal derb und lebensnah. Doch, ich mochte es sehr und es hat mir Spaß beim Lesen gemacht, ganz besonders, als Toni wieder Hoffnung schöpfte. 
Mein größter Kritikpunkt ist tatsächlich ziemlich offenkundig, gleich zu Anfang: Die Länge. Ja, ich weiß, manchmal lässt sich die Aussage eines Romans nicht in die üblichen 350 Seiten quetschen. Voll okay. Aber müssen es wirklich immer solche Ziegelsteine sein, die auch taugen würden, einen Einbrecher zu erschlagen? Ich finde: Nein. Ganz selten braucht ein Roman wirklich die Länge von 800 Seiten. 500- 600 Seiten hätten für die 'Mauersegler' in jedem Fall ausgereicht und hätten verhindert, dass das Buch stellenweise aufgeblasen und in die Länge gezogen wird. Unterm Strich kostet das in meiner Bewertung aber nur ein Herzchen, da der Rest einfach sehr überzeugend war. 

Meine Bewertung:  💙💙💙💙🤍


[Rezension] Pilar Quintana- Abgrund

 

Worum geht's? 

Das heranwachsende Mädchen Claudia ist viel allein. Ihre unglücklich verliebte Mutter verfällt dem Alkohol, der resignierte Vater schweigt sich davon. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und ein junges Mädchen auf der Suche nach Antworten. Ein herzzerreißender Familienroman vor einer atemberaubenden kolumbianischen Kulisse, in der die Abgründe allgegenwärtig sind. 


Meine Meinung: 

Für Romane, die nicht an den üblichen Schauplätzen spielen (sprich USA und Großbritannien) bin ich grundsätzlich immer zu haben. Die Welt ist noch soviel größer, die Möglichkeit nahezu unbegrenzt. Da ist es immer schön wenn ein Autor sich mal traut über den Tellerrand zu sehen und ein Verlag sich traut, darauf einzugehen. Abgrund hat mich also sofort angesprochen, weil es die beiden Dinge verbindet die ich am meisten mag: Lateinamerika als Spielort und eine Familiengeschichte. Seit Allendes Geisterhaus werde ich da wohl nicht die Einzige Infizierte sein. 
Ich war von der ersten Seite an begeistert. Abgrund wird aus der Perspektive des Mädchens erzählt..  Das Buch vermag es genau die richtige Stimmung zu vermitteln und nebenher: Es gibt hier etwas über Lateinamerikas Geschichte zu lernen. Dafür sollte man sich also schon interessieren- ich mag es, wenn ein Buch mich zu weiterer Recherche anregt. 
Abgrund fand ich zu tiefgehend und zu erschütternd, um es mal eben so am Strand zu lesen. Wer aber ein Werk sucht das mal anders ist, bei dem man sich hineinfallen lassen kann, der ist hier richtig. Der Sprach- bzw. Erzählstil ist ausgesprochen angenehm, wort- und bildgewalt

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍

[Rezension] Ruth Ozeki- Die leise Last der Dinge

 

Eisele Verlag
688 Seiten
26€
ISBN: 978-3-96161-143-0

Worum geht's?

Ein Jahr nach dem Unfalltod seines Vaters beginnt der dreizehn Jahre alte Benny Oh Stimmen zu hören. Es sind die Stimmen der unbelebten Gegenstände in seinem Zuhause – seine Sneakers, eine zerbrochene Weihnachtskugel, ein Blatt welker Salat. Gleichzeitig beginnt seine Mutter Annabelle, immer mehr Dinge zu horten, bis es kaum mehr einen freien Platz auf dem Fußboden gibt. Mutter und Sohn drohen in ihrem seelischen Chaos den Halt zu verlieren – bis sie auf ein Buch stoßen, das sie womöglich zu retten imstande ist … (Quelle: Verlag)


Meine Meinung: 

Ich wollte ursprünglich das Buch kurz anlesen und dann erstmal zum Tageswerk übergehen, um dann abends in Ruhe weiter zu lesen.

Tja, Pustekuchen. Ich bin richtiggehend in diesen Roman hinein gefallen wie in einen Brunnen ohne Leiter. Als ich das nächste Mal auf die Uhr schaute, war es spätabends. Ich hatte zu essen vergessen und alles andere auch- was sagt das über dieses Buch aus? 

Ich war (und bin immernoch!) einfach begeistert. Vom ersten Satz an entfaltet dieser Roman einen funkensprühenden Zauber und lässt einen nicht mehr los. Es ist eine Geschichte über Trauer, Trauerbewältigung, eine Familie die das Kommunizieren verlernt hat, Ersatzbefriedigungen und Verloren-Sein. Und obwohl diese Themen ja nun nicht unbedingt etwas für den Sonntagstee sind vermag die Autorin es, trotzdem eine gewisse Leichtigkeit beizubringen, eine gewisse Unaufgeregtheit, sodass es nicht deprimierend wird. Es wirkt mühelos und poetisch und legt dennoch sanft den Finger direkt in die Wunde. 
Interessant fand ich wie elegant und geschickt die Autorin es vermag, das Thema Minimalismus und materielle Bedürfnisse in der Handlung unterzubringen, es wirkte keinesfalls bemüht oder betulich. Sicher hätte man den ein oder anderen Satz wegkürzen oder ein paar Absätze raffen können, aber es ist keineswegs stören. Lässt man sich auf die Handlung und die Charaktere ein, ist es das pure Vergnügen, das darf gerne eine Weile dauern. 
Das war mein erstes Buch vom Eisele Verlag, aber ich muss sagen es stimmt, was ich bereits gehört habe- dass man sich wohl darauf verlassen kann, dass hier nur hochwertige Romane verlegt werden. Ich werde jedenfalls noch lange über diese Geschichte nachdenken. Mir bleibt nichts anderes übrig, als maximale Punktzahl zu geben. 


Meine Bewertung: 

💙💙💙💙💙


[Rezension] Susanne Benda- Dein Schweigen, Vater

 

Urachhaus Verlag
240 Seiten
22€
ISBN 978-3-8251-5331-1
*Rezensionsexemplar*
Worum geht's? 

Was ist es, das die Geschwister Maria und Uli so umtreibt? Woher stammen ihre Blockaden, wenn es um wichtige Lebensentscheidungen geht? Haben sie etwas mit dem Schweigen ihres Vaters zu tun, der mit 12 Jahren aus seinem glücklichen Leben in Brünn gerissen wurde? Und dem es nie möglich war, über seine Erlebnisse aus dem Mai 1945 zu sprechen, als seine Familie gemeinsam mit 27.000 weiteren deutschstämmigen Bewohnern aus der Stadt vertrieben wurde? Immer deutlicher erkennen Maria und Uli, dass die traumatischen Zustände ihres Vaters in ihnen fortleben, auch sie sind Vertriebene. Und ihnen wird klar, dass sie ihre eigenen Wege gehen müssen, um das Schweigen zu durchbrechen.
Als sie sich zu einer Reise entschließen, wird schnell deutlich: Es wird eine Reise zu den Wurzeln ihrer Familie … (Quelle: Verlag)
Meine Meinung: 

Uff. Die Autorin, Susanne Benda, verarbeitet in diesem Roman ihre eigene Familiengeschichte- und ich finde auch, das merkt man. Das Ganze fühlt sich sehr persönlich an, sehr nahe. Die Autorin liebt ihre Figuren und möchte dass wir ihre Gefühle selbst nachvollziehen können. Sie will dass wir ihre Angst, ihre Wut, ihre ihre Frustration und ihre Trauer spüren und ich muss sagen, das gelingt vortrefflich. Das Thema der Kriegsenkelgeneration wird hier emotional und erschütternd aufgearbeitet. Mir war stellenweise richtig schlecht, und ich bin nicht zart besaitet. Der titelgebende Vater, das ist Paul. Paul wurde mit seiner Familie 1945 im Rahmen des Brünner Todesmarsches aus seiner Heimat vertrieben. Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen- wir begleiten zum Einen Paul auf dem Marsch, stehen an seiner Seite während er die größten vorstellbaren Traumata erleiden muss und können ihm doch nicht helfen. Und zum Anderen bekommen wir einen Einblick in sein späteres Leben, seine Familie- und erkennen im Laufe der Zeit wie sehr seine Traumata doch ihr gemeinsames Leben beeinflussen. 
Es gab nicht nur eine Stelle, an der ich Gänsehaut hatte. Sicher, es ist absolut schwere Kost und keine typische Strand- oder Liegestuhllektüre, auf keinen Fall. Aber es ist ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Deutschen und des Krieges, das meiner Meinung nach zu häufig unter den Tisch fällt. Ein düsteres Kapitel, das uns heute einen Schauer den Rücken hinunter jagt. Es ist nach wie vor wichtig, sich damit zu beschäftigen, damit die Opfer dieser Zeit nicht vergessen werden. 
Ich tue mich immer schwer bei Romanen aus dieser Ecke über 'gefällt mir' oder 'gefällt mir nicht' zu sprechen. Es ist eine persönliche Geschichte, die ich nicht bewerten will oder kann. Deswegen gibt es an dieser Stelle auch keine Herzchen- Bewertung. 
Ich kann aber sagen, dass mich der Roman nachhaltig erschüttert hat und bei mir seine Wirkung nicht verfehlt. Die Erzählweise im Präsens macht das Erlebnis der Geschichte obendrauf noch unmittelbarer. Wer sich nicht vor harter Kost scheut findet hier einen Roman, der lange nachhallt. 



[Rezension] Romy Fölck- Die Rückkehr der Kraniche


Argon Hörbuch Verlag
9h 26min
16€
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

Ein altes Haus inmitten der Elbmarsch, die Kraft der Natur und drei Frauengenerationen, die nach Jahren dort wieder aufeinander treffen.
Zwei Schwestern mit unterschiedlichen Lebensentwürfen treffen aufeinander, als die Mutter im Sterben liegt. Im alten Reetdachhaus in der Elbmarsch müssen sich die Hansen-Frauen ihrer Vergangenheit stellen, mit all ihren Geheimnissen und Fragen, und lernen, dass ein Ende immer auch ein Anfang sein kann.
Nach langer Zeit treffen die Schwestern Grete und Freya in ihrem Elternhaus wieder aufeinander. Ihre Mutter Wilhelmine hat einen Schwächeanfall erlitten, Freya kommt sofort aus Berlin angereist. Sie will helfen, aber mehr noch ihrem eigenen Leben entfliehen. Ihr Freund hat sie verlassen, und damit die letzte Hoffnung auf die Gründung einer eigenen Familie.
Grete ist ebenfalls Single, sie ist ihr Leben lang im kleinen Dorf an der Elbe geblieben, eine frühe Schwangerschaft machte ihre Träume von der weiten Welt zunichte. Sie kümmerte sich erst um ihre Tochter Anne, dann brauchte Wilhelmine mehr und mehr Unterstützung mit Haus und Hof. Gretes Zufluchtsort ist die Natur, der Garten, vor allem aber das Naturschutzgebiet an der Elbe, wo sie als Vogelwartin arbeitet. Als sich jetzt, kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag, eine unerwartete Chance zum Ausbrechen bietet, auf die sie schon lange gehofft hat, braucht sie einmal die Unterstützung ihrer Familie mehr denn je.
Auch Anne kommt, um der Großmutter nahe zu sein. Das Verhältnis zu ihrer Mutter Grete ist angespannt – sicherlich auch, weil diese nie verraten hat, wer Annes Vater ist. Und auch Wilhelmine liegt ein Geheimnis auf den Lippen. (Quelle: Verlag) 

Meine Meinung: 

Ich hatte das Vergnügen, diesen Roman als Hörbuch zu hören. Vergnügen deshalb, weil die Leserin, Tessa Mittelstaedt, einfach hervorragend liest. Ihre Stimme ist grundsätzlich schon äußerst angenehm- sehr wichtig für mich, da bin ich wirklich pienzig. Ich kann ein Hörbuch nicht beenden, wenn mir die Vorlesestimme nicht wirklich zusagt. Auch nicht, wenn es 'nur' 9 1/2h dauert, wie diese gekürzte Ausgabe. Das war also zumindest kein Problem. Dann schaffte es die Leserin aber auch, jeder einzelnen Protagonist*in eine ganz charakteristische Stimme zu verleihen, die zu den Eigenheiten der Person passte. Mir machte das die Vorstellung auf jeden Fall viel leichter, und es machte das ganze einfach auch sehr erfrischend. 
Manchmal hatte ich das Gefühl, die Personen wären mir persönlich bekannt. Die Autor*in hat den Flair der beschriebenen Region (Elbmarsch) wahnsinnig plastisch eingefangen- ich roch richtiggehend das Wasser, die Gräser und das Sauerteigbrot- und hörte das Knarren der alten Dielen und das Rascheln des Reetdaches. Nicht jede Figur war mir gleichermaßen sympathisch, aber alle waren nachvollziehbar gezeichnet und hatten eine Seele. Das Erzähltempo war eher gemütlich, ruhig, passte absolut zur Handlung, die sich in aller Ruhe entfaltete. Gut gefallen hat mir auch besonders, dass die Autor*in mit Anna auch eine Person eingebracht hat, die die Diversität im Roman erhöhte. Dabei wirkte es aber nicht erzwungen oder bemüht (wie so oft) sondern fügte sich organisch in Handlung und Charakterentwicklung ein. Alles in Allem auf jeden Fall ein rundes Erlebnis- das Einzige was ich unnötig fand war die Kürzung, denn auch die ungekürzte Version ist jetzt nicht unglaublich lang. Hin und wieder merkte man es auch ein wenig, fand ich. Das war ein wenig schade. Sonst muss ich aber sagen, ich habe mich beim hören sehr gut unterhalten gefühlt. 

Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍



[Rezension] Mariana Leky- Kummer aller Art

 

DuMont Verlag
176 Seiten
22€
ISBN 3832182160
*Rezensionsexemplar*

Worum geht's? 

»Alle wirken innerlich blitzblank, nur in unserem Inneren sieht es aus wie bei Hempels unterm Sofa«, denkt sich Kioskbesitzer Armin, als er vergeblich versucht, erfolgreich zu meditieren. Und auch im Inneren der anderen Figuren dieser literarischen Kolumnen herrscht Unordnung: Frau Wiese kann nicht mehr schlafen, Herr Pohl ist nachhaltig verzagt, Lisa hat ihren ersten Liebeskummer, Vadims Hände zittern, Frau Schwerter muss ganz dringend entspannen, ein trauriger Patient hat seine Herde verloren, und Psychoanalytiker Ulrich legt sich mit der Vergänglichkeit an. Kummer aller Art plagt die Menschen, die sich, mal besser, mal schlechter, durch den Alltag manövrieren. Aber der Kummer vereint sie auch, etwa, wenn auf Spaziergängen Probleme zwar nicht gelöst werden, aber zumindest mal an die Luft und ans Licht kommen.
Klug, humorvoll und mit großem Sinn für Feinheiten und Absurditäten porträtiert Mariana Leky Lebenslagen von Menschen, denen es nicht an Zutraulichkeit mangelt, wohl aber am Mut zur Erkenntnis, dass man dem Leben nicht dauerhaft ausweichen kann. (Quelle: Verlag) 

Meine Meinung: 

Man könnte ja meinen, ein Buch über Kummer wäre deprimierend und nicht gerade passend als Sommerlektüre. Wer aber die Autor*in kennt, kann sich vielleicht schon eher vorstellen dass das ganze nicht in tränennasse Kissen und schwere Melancholie abgleitet. Der lockere, humorvolle Schreibstil macht das Büchlein zur vergnüglichen Lektüre. Das Ganze ist ja eine Sammlung von Kolumnen der Autor*in, das heißt es sind mehrere Geschichten und kein zusammenhängender Roman in dem Sinne- und ich finde, das lockert das Ganze noch mehr auf und lässt sich sehr angenehm lesen. Auch wenn man nur dosiert lesen will, immer ein, zwei Geschichten am Tag zum Beispiel, geht das sehr gut. Trotz der relativen Kürze der Geschichten vermag es Frau Leky, einem das Schicksal der Figuren nahe zu bringen. Ich fühlte auf jeden Fall mit ihnen mit, und es ist eine Kunst, dies in diesem Umfang zu transportieren. Mein Mißtrauen, dass das Büchlein zu deprimierend sei, war nach wenigen Seiten zerstreut. Dazu muss ich sagen, ich bin sonst kein Fan von Kurzgeschichten- ich begleite Figuren in Romanen lieber über längere Zeit, gewinne sie lieb und vermisse sie dann am Ende wie alte Freunde. Auch Charakterentwicklung- etwas das mir sonst sehr wichtig ist- ist in Kurzgeschichten nur begrenzt möglich. Es hat sich in diesem Fall aber absolut gelohnt, über den Tellerrand zu schauen. So oft musste ich bei der Lektüre grinsen und kichern und die Autor*in hat mich auf jeden Fall dazu gebracht, mein Urteil bezüglich Kurzgeschichten in Zukunft zu überdenken. 


Meine Bewertung: 💙💙💙💙🤍